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17. Januar 2015 00:00 Uhr

Denker der Stunde

Wie der Terror dem Philosophen Karl Popper zum Comeback verhilft

Nach den Terrorattacken von Paris reden alle über die offene Gesellschaft. Hinter dem Konzept steht der Philosoph Karl Popper. Ist seine Renaissance gerechtfertigt? Ja, sagt Florian Kech.

  1. Der Kopf hinter der offenen Gesellschaft: Sir Karl Popper (1902 – 1994) Foto: Lebrecht Music & Arts

  2. Freiheit muss erkämpft werden – ständig aufs Neue. Foto: BZ/afp

Als Joachim Gauck am Dienstagabend unter dem Brandenburger Tor vor Tausenden von Menschen im Gedenken an die Anschläge von Paris sprach, sagte er kämpferisch: "Die Attentate haben gezeigt, wie verwundbar die offene Gesellschaft ist. Aber sie haben auch bewirkt, dass wir uns neu besinnen." Hinter dem Bundespräsidenten stand eine Phalanx aus hohen Repräsentanten. Der Präsenteste allerdings war nicht anwesend: Der, auf den sich in diesen Tagen so viele neu besinnen, manchmal direkt, meistens – wie Gauck – indirekt; mal bewusst, mal – ganz sicher nicht wie Gauck – unbewusst. Die Rede ist von Karl Popper.

Der Denker der Stunde ist seit zwanzig Jahren tot. Nach dem Terrorangriff auf das französische Satiremagazin Charlie Hebdo erlebt der Philosoph, den viele schon abgeschrieben hatten, eine grandiose Wiederauferstehung. Kaum ein Nachruf auf die Ereignisse vom 7. Januar, der ohne seine Formel der offenen Gesellschaft auskommt. In einer Zeit, die einem die Sprache verschlägt, wird der alte Popper zum wichtigsten Stichwortgeber; in einem Schockzustand, der blind vor Wut und Angst zu machen droht, ist er der Kompass.

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MAN MUSS UM DIE OFFENE GESELLSCHAFT KÄMPFEN

Der Autor eines der wichtigsten politischen Bücher des 20. Jahrhunderts wollte eigentlich gar nicht über Politik schreiben. Erst die Verhältnisse zwangen ihn dazu. Als junger Akademiker war Popper Teil einer Wiener Bewegung, die sich vorgenommen hatte, der Philosophie allen metaphysischen Hokuspokus auszutreiben. Ihre Disziplin sollte endlich den Standards der strengen Naturwissenschaften entsprechen. Popper verlangte, nur noch solche Aussagen anzuerkennen, die ihre eigene Widerlegung implizierten. Für Dogmatismus sei kein Platz in der Wissenschaft – und auch nicht in der Demokratie, wie er in seinem berühmtesten Werk später darlegen sollte.

"Die offene Gesellschaft und ihre Feinde" ist kein wissenschaftliches Buch im Popperschen Sinne. Es spitzt zu, haut drauf und steckt voller Leidenschaft. Manche Kapitel gleichen einer Predigt, andere lesen sich wie ein Evangelium. Poppers Offene Gesellschaft ist die Bibel der modernen Demokratie. Er selbst hat den Doppelband als "Kriegsbeitrag" bezeichnet.

Entstanden ist die philosophische Kampfschrift im neuseeländischen Exil, die Erstauflage erschien 1945 in England. Eine offene Gesellschaft zeichnet sich nach Popper durch die klassischen Ingredienzien einer demokratischen Verfassung aus: Gewaltenteilung, Meinungsfreiheit und vor allem die Garantie, die Herrschenden jederzeit wieder abwählen zu können. An Kontur gewinnt der Begriff aber erst durch die Abgrenzung von seinem Gegenteil: der geschlossenen Gesellschaft. Hier steht das Individuum im Zentrum, dort das Kollektiv; hier trägt der Einzelne die Verantwortung, dort beruft man sich auf eine Mission; hier lässt man Veränderung zu, dort versucht man sie zu ersticken.

Den Erfolg der totalitären Ideologien führte Popper auf ein "Trauma des Übergangs" zurück: Die Alltagsdynamik der modernen Gesellschaft wirke auf viele wie ein Schock. Verängstigt, erschöpft und verwirrt sehnen sie sich nach dem Gemächlichen, Überschaubaren und Harmonischen der Horde zurück. Fast schon freudianisch attestierte Popper den Feinden der offenen Gesellschaft eine zivilisatorische Unreife. Sein polit-therapeutischer Imperativ: Werdet endlich erwachsen und bekämpft eure Unmündigkeit!

OHNE FEIND WIRD FREIHEIT ZUR ROUTINE

Wer die Renaissance des Karl Popper verstehen will, muss verstehen, wie er in Vergessenheit geraten konnte. Bis zu seinem Tod 1994 gab es kaum einen westlichen Politiker, der ihm nicht ergeben die Hand geschüttelt hat. Mit seiner scharfen Abgrenzung der offenen und geschlossenen Gesellschaft wurde er zum gefragten Analytiker des Ost-West-Konflikts. Helmut Schmidt pflegte während seiner Kanzlerschaft mit dem Philosophen regen intellektuellen Austausch. Margaret Thatcher und Ronald Reagan beriefen sich ebenfalls auf ihn, wenn sie zum Kampf gegen die Sowjetunion bliesen. Poppers Werk wurde zum Selbstbedienungsladen für die Rhetoriker des Kalten Krieges.

Mit dem Fall des Eisernen Vorhangs löste sich die Bipolarität, die auch für das Poppersche Denken charakteristisch war, mit einem Schlag auf, die offene Gesellschaft schien gewonnen zu haben und konnte sich nun auf der ganzen Welt ausbreiten.

Der Systemfeind war verschwunden. Ohne die Gefahr von außen wurde Freiheit zur Routine. Man war sich ihrer so sicher, dass manch einer begann, sie zu hinterfragen. Den neidischen Blick auf die chinesische Wirtschaft gerichtet, gaben sie unverhohlen zu bedenken, dass es vielleicht an der Zeit wäre, ein bisschen mehr Diktatur zu wagen. Unter dem Primat der Ökonomie wurde auch Poppers Ansatz politisch entkernt. Die wenigen, die sich noch mit ihm beschäftigten, vermochten in ihm oft nur noch den Wegbereiter des Neoliberalismus zu erkennen. Natürlich wurde die offene Gesellschaft weiterhin zitiert, aber ihre Formel war zur Floskel geronnen.

GRETCHENFRAGE: WIE HÄLT ES POPPER MIT DER RELIGION?

Das Attentat auf Charlie Hebdo hat die offene Gesellschaft deshalb so schwer getroffen, weil es direkt auf die Meinungsfreiheit zielte. Die Trauer wich schnell dem Trotz. Mohammed-Karikaturen wurden abgedruckt – jetzt erst recht. Millionen Menschen weltweit solidarisierten sich, vereint in dem Bewusstsein, den Feinden der offenen Gesellschaft die Stirn bieten zu müssen. Wer, wenn nicht Karl Popper, lieferte für diesen Kampf das passende intellektuelle Rüstzeug?

Aber ist Popper auf die Herausforderung des 21. Jahrhunderts übertragbar? Hat er eine Antwort auf den Terror im Namen des Propheten? Seine Abrechnung stammt aus einer anderen Zeit. Sie galt den politischen Großideologien unter Hitler und Stalin, die er im Übrigen so sehr verabscheute, dass er sie in seinem ganzen Werk nicht einmal mit Namen erwähnte. Auch auf religiösen Fanatismus geht Popper nicht direkt ein. Aber es gibt einige wenige Textpassagen, aus denen sich sein Standpunkt unschwer ableiten lässt.

Es versteht sich von selbst, dass Popper damals in den säkularen Totalitarismen die größte Gefahr für die Demokratie ausmachte. Dagegen, so schreibt er, seien alle Religionen "relativ harmlos". Im Unterschied zur Klassen- oder Rassenlehre sähen sie nämlich "in jedem Menschen einen potentiellen Konvertiten". Dem Ungläubigen wird also immerhin die Freiheit eingeräumt, die Seiten zu wechseln. Vor dem Hintergrund der aktuellen Ereignisse erscheint diese Einschätzung erschreckend naiv, allerdings nur für jene, die den radikalen Islamismus mit der Religion des Islam verwechseln, und nicht als das betrachten, was er tatsächlich ist: eine religiös motivierte Ideologie, die sich in ihrem totalitären Anspruch weder von Hitlerismus noch Stalinismus unterscheidet.

Interessanterweise bescheinigte Popper dem Marxismus seinerseits ein "religiöses Element", bezeichnete ihn gar als "prophetische Religion". Denn in einem Punkt sind sich Religion und Ideologie einig: Sie verheißen ihrer geknechteten Gefolgschaft ein goldenes Zeitalter, das niemals enden wird. Poppers berühmter Kommentar dazu: "Jeder Versuch, den Himmel auf Erden einzurichten, erzeugt stets die Hölle. Dieser Versuch führt zu Intoleranz, zu religiösen Kriegen und zur Rettung der Seelen durch die Inquisition."

KEINE TOTALÜBERWACHUNG: POPPER STÜNDE AUF SNOWDENS SEITE

Nicht der Terrorismus an sich gefährdet die offene Gesellschaft, sondern die Reaktion darauf. Jeder Anschlag verleitet aufs Neue, die Werte, die wir zu verteidigen vorgeben, zu verraten. Kurzum: Wie viel Überwachung verträgt eine offene Gesellschaft?

Auch wenn ihm das zuweilen unterstellt wurde, zählte Popper nie zu den Hardcore-Liberalen, die sich vom Staat praktisch jedes Eingreifen verbieten. Er outete sich als Vertreter eines Protektionismus und stellte klar: "Freiheit ist unmöglich, wenn sie nicht durch den Staat gesichert wird." Der Staat darf und soll überwachen, allerdings nur unter der notwendigen Bedingung, dass auch er sich von den Bürgern überwachen lässt. Ein Geheimdienst wie die NSA wäre also allenfalls legitim, wenn sich dieser nicht der demokratischen Kontrolle entzöge. Vom Popperschen Standpunkt aus hat Edward Snowden folglich nur seine Bürgerpflicht erfüllt.

POPPER UND PEGIDA PASSEN NICHT ZUSAMMEN

Ohne den "Mohamedanismus", wie Popper den Islam nannte, zu kritisieren, machte er keinen Hehl daraus, dass ihm das Christentum noch am ehesten behagte, weil es eine Religion sei, "die das individuelle Gewissen respektiert". Hätte er eine Bürgerbewegung, die sich ausdrücklich für die Verteidigung der Werte des christlichen Abendlandes einsetzt, begrüßt? Verstand er sich nicht selbst einst als Bollwerk gegen die Barbarei, so wie Pegida?

Was Popper von den Pegida-Anhängern unterschied, ist zunächst einmal deren Abendland-Kult. Er zeichnete ein zweigeteiltes Bild der abendländischen Kultur. Auf der einen Seite Sokrates und Kant, die er als Denker der Freiheit bewunderte; auf der anderen Seite die Erbfolge Platon-Hegel-Marx, die er verteufelte, weil sie die geistige Saat für den Totalitarismus gelegt hätte. Die Feinde der offenen Gesellschaft kamen für Popper also nicht auf Kamelen aus dem Morgenland angeritten – sie waren immer schon da.

Aus einem weiteren Grund hätte sich Popper mit der Pegida-Bewegung nicht einmal auf einen Dialog eingelassen: Sie immunisiert sich gegen jede Kritik. Fakten, die ihren Thesen widersprechen, werden als Lügen abqualifiziert. Damit kann man sich jeden vernünftigen Diskussionsversuch mit ihr sparen.

Den Dogmatismus teilt Pegida mit dem Islamismus ebenso wie die nostalgische Sehnsucht nach der Homogenität einer geschlossenen Gesellschaft. Doch es gibt kein Zurück mehr. Das Inhomogene muss ausgehalten werden. Oder wie Popper sagte: "Wir tragen das Kreuz dafür, dass wir menschlich sind."

– Vom Autor erschien das Buch "Kritik der holistischen Vernunft. Karl Popper und die Fragen nach dem Ganzen und seiner Teile", 2012, Nomos Verlag.
Sir Karl Raimund Popper

Der Philosoph wurde 1902 in Wien geboren. In Auseinandersetzung mit dem Wiener Kreis schrieb er die "Logik der Forschung" – ein Meilenstein der Wissenschaftstheorie. Weltbekannt wurde er durch den Doppelband "Die offene Gesellschaft und ihre Feinde". Poppers Philosophie wird als Kritischer Rationalismus bezeichnet. Er starb 1994 in London.

Autor: Florian Kech