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11. November 2014

Frisch und unkonventionell

Gedenkfeier der Stadt Lahr in der Stadthalle zum Mauerfall vor 25 Jahren mit der Renft-Combo, der einstigen DDR-Kultband.

  1. Mitglieder der ehemaligen DDR-Band und Lahrer – Stefanie Kremling-Deinert, Birgit König, Thorsten Mietzner – im Gespräch Foto: Heidi Fössel

  2. Renft-Combo in concert Foto: Heidi Foessel

LAHR. Gedenkfeiern stehen aus bekannten Gründen im Ruf, etwas steif und würdig zu sein. Dass es auch anders geht, zeigten das Mauerfall-Gedenken am Freitag im Deutschen Bundestag mit dem Auftritt von Wolf Biermann – und die Gedenkfeier am Sonntag in der Lahrer Stadthalle. Sie machte in Sachen Information, Kontroversität und Unterhaltungswert der Berliner Veranstaltung hart Konkurrenz.

Da war zum einen Renft. Der Auftritt der einstigen DDR-Kultband verlieh der Lahrer Gedenkfeier zum 25. Mauerfalljubiläum Frische und das Unkonventionelle, das diesen Abend so großartig machte. Damit ist nicht nur der musikalische Teil gemeint. Renft rockt irgendwo zwischen Heavy Metal von Black Sabbath und herb-rüden Bluesrock-Riffs, mit massiven Wah-Wah-Gitarrenattacken in Jimi-Hendrix-Manier. Ein ordentlicher Schuss AC/DC-Ruppigkeit zeigte, dass man nicht 1975 stehen geblieben war. Damals war der Band in einem kabarettistisch anmutenden Bürokratieakt ihre Nicht-Existenz bescheinigt worden. Sprich: Auftrittsverbot und Zwangsauflösung.

Zuvor, das merkte Sänger Thomas Schoppe in der dem Konzert vorausgegangenen Talkrunde selbstkritisch an, hatte man sich durchaus der Annehmlichkeiten erfreut, die das Regime den Machern der staatlich akzeptierten Rockmusik anbot, als da wäre: bezahlter Urlaub auf Rügen, Saufgelage inklusive. Doch das Bündnis zwischen Funktionär und Rocker hielt nicht. Nach zwei Alben, etlichen DDR-Hits und Tourneen in sozialistischen Bruderstaaten wollte die Renft-Combo den Rock ’n’ Roll richtig leben und – textlich kritisch war sie schon immer – keine Kompromisse mehr eingehen. Die "Nichtexistenz-Erklärung" war die Folge.

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Vom Moderatorenteam Stefanie Kremling-Deinert und Thorsten Mietzner eingeflochtene TV-Schnipsel zeigten Ausschnitte aus einem 1974er-Live-Auftritt. Renft klang so rüde, dass auch Wessi-Geschmackshüter geschockt gewesen wären. Man erinnere sich an Proteste seitens Kirche, Pädagogen und HNO-Ärzten gegen die Dröhngitarren von Black Sabbath und Konsorten seinerzeit in Wessiland. Interessant ist der unterschiedliche Blick der Bandmitglieder auf die Zeit nach der Wende. Gitarrist Pitti Piatkowski hat keinerlei Wehmut. Er zählte die Beschränkungen seiner Jugend auf, ob Rockmusik, ob Reisen, ob Schulunterricht. "Jenseits der sozialistischen Grenze existierten in unserem Atlas keine Städte mehr", erzählte er, und der Geschichtsunterricht sei eingefärbt gewesen. Allerdings fälsche jedes System die eigene Geschichte. Als Rockmusiker habe er sich umstellen müssen, er organisiere heute alles selber. Die anderen Musiker sahen da manches anders.

Ein Leben in musikalischer Ödnis

Schoppe lebte 1989 schon in Westberlin: "Das war eine musikalische Ödnis. Nur Coverbands. Du kannst tolle musikalische Ideen haben. Wenn dich keiner kennt, interessiert das niemand." Nach der Wende sei es hart gewesen. Die Wessis interessierten sich nicht für die Ostbands, und die Ossis wollten endlich Wessi-Rock hören. Es habe keine Auftrittsmöglichkeiten gegeben. "Nicht mal für die Puhdys", so Schoppe. Drummer Detlef Kriese: "Die Montagsdemonstranten wollten einen demokratischen Sozialismus. Ich auch." Trotzdem: Die DDR wünschte sich keiner zurück, und dem "Danke, Gorbi" von Bassmann Marcus Schlusse schlossen sich alle an.

Birgit König, Leiterin der Lahrer Mediathek, brachte noch eine andere Note in das Gespräch. Als sie im August 1989 die DDR verließ, glaubte sie ihre Eltern für lange, lange Zeit nicht wiederzusehen: "Vielleicht in fünf Jahren in Prag." Und dann ging es ganz, ganz schnell.

Die Stadt hat sich neu definiert

Eingeleitet worden war der Abend von OB Wolfgang G. Müller. "Existiert die Mauer noch in den Köpfen?", fragte er. In den Köpfen des Lahrer Gemeinderats sicher nicht, so seine Antwort. Der machte Guido Schöneboom aus Leipzig zum Bürgermeister. "Wir haben viele Mitarbeiter aus den neuen Bundesländern bei der Stadt. Dass das einzige, was sie von anderen unterscheidet, ist dieser sympathische Dialekt." Müller erinnerte an die Folgen der Wende für Lahr: Der Nato-Stützpunkt wurde aufgegeben, Tausende von Kanadiern verließen Lahr, Tausende von Spätaussiedlern kamen. "Die Stadt musste sich neu erfinden", so Müller.

Den Auftritt von Renft hatte Guido Schöneboom eingefädelt. Nach Rockmaßstäben war es ein tolles Konzert. Doch dürften zumindest einige der älteren Gäste der Gedenkfeier das Rockgewitter eher ertragen als genossen haben. Vielleicht könnte die Stadt ein "richtiges" Konzert von Renft in Lahr anbieten. Das wäre eine tolle Nachbereitung der Feier vom Sonntag.

Autor: Robert Ullmann