Mit Mundartrhythmen durch die Gefühle der Heimat

Erika Sieberts

Von Erika Sieberts

Mo, 22. Mai 2017

Lahr

Beim "Highmat-Abend" im Rahmen der Lahrer Literaturtage "Orte für Worte" boten drei Mundartdichter und -sänger einen Einblick in ihr Seelenleben.

LAHR. Das Kleine, das Unauffällige, das Typische und Regionale haben drei Mundartdichter am Freitagabend auf der Bühne des Schlachthofs greifbar werden lassen. Beim "Highmat-Abend" der Literaturwochen "Orte für Worte" schwätzten und sangen José F. Oliver, Ulrike Derndinger und Marc Pereira über Gefühle, die sie am besten in der Muettersproch ausdrücken können. Bei Pereira ist der Begriff wörtlich zu nehmen, denn seine Mutter stammt aus Oberwolfach, der Vater ist Portugiese. Oliver, der in der Hochsprache und im Dialekt schreibt, ist in Hausach geboren, seine Eltern kamen aus Andalusien ins Kinzigtal. Ulrike Derndinger ist in der Riedgemeinde Kürzell aufgewachsen.

Oliver, der bekannteste und älteste (Jahrgang 1961) der Drei, beschrieb seinen Zugang zum Dialekt seiner Heimat ("ein nicht in andere Sprachen zu übersetzendes Wort") mit Geschichten, die er als Sternsinger und Husener Stadtbub auf den Bauernhöfen des Kinzigtals erlebt hat. Da sei er nach dem "G’schlecht" gefragt worden.

Für ihn damals eine irritierender Begriff. Oliver: "Die Leute wollten wissen, aus welchem Haus, aus welcher Familie ich stamme". Er habe damals wie heute das "fremdhöfliche Sie" geschätzt: "Wie geht’s Ihm so?", sei er gefragt worden. "Ich mochte das distanzierte Wohlwollen mit den Anreden Ihr und Euch für meine Familie und Ihm für mich. Es war ein Spiel um Fremdheit, Nähe und Komplizenschaft". Damals sei er noch nicht schlagfertig genug gewesen. Heute würde er antworten: "Es geht Ihm gut."

Ulrike Derndinger, Jahrgang 1977, sprach einigen Zuhörern aus der Seele (beifälliges Grummeln), als sie ihre Gedanken zum Verkauf des elterlichen Hofs reflektierte. Kommentaren, dass es sicher schwer gewesen sei, das Elternhaus zu verlieren, habe sie nicht zustimmen können. Denn das Leben auf dem Bauernhof sei nicht immer schön gewesen. Sie wohnt gern in der Stadt, ohne Garten und all das "Glumps drumrum". Im Traum erscheint ihr die Mutter im Stall, hinter einer Reihe Kühe, verdreckt, verschwitzt und gebückt.

Oliver und Derndinger sprechen rhythmisch. Ersterer flicht Gedankenketten, Assoziationen von Landschaft und Farbe und redet die Zuhörer schier in Trance, wenn er grüne Wälder und Wiesen beschreibt. Letztere springt von Wort zu Wort, wie über Trittsteine in einem Bach. Da gibt es fließende Passagen, kurzes Zögern, Sprünge nach links und rechts, aber immer eine zielgenaue Landung.

Marc Pereira brachte seinen Rhythmus mit flammendem Gitarre- und Goschehobelspiel. Der 1971 geborene Musiker singt gern im Dialekt. Er beschrieb Autofahrten aus dem bewaldeten Tal von "Oberwolfe" hinaus in den befreienden Sonnenuntergang Richtung Hausach. Liebevoll verteidigt er das etwas siffige Leben seiner Wohngemeinschaft in "Hofwihr" unter dem Titel "Läbe und kläbe losse". Die Lacher auf seiner Seite hatte er mit der komödienhaften Beschreibung eines Fußballspiels gegen die starken Männer von "Ankara-Gengenbach".

Dieser zweite alemannische Abend, moderiert von Heinz Siebold im Namen der Stiftung Bürger für Lahr, präsentierte sich wortgeschliffen und sprachrau – Heimatkultur für Hiesige und auch für Reigschmeckte.