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11. Juli 2012 12:35 Uhr

BZ-Interview

Landesrabbiner zu Beschneidungsurteil: "Wir Juden sind in einer Notsituation"

Die Proteste gegen das Kölner Beschneidungsurteil reißen nicht ab. Was das für die jüdische Gemeinschaft bedeutet fragte BZ-Redakteurin Annemarie Rösch den badischen Landesrabbiner aus Lörrach Moshe Flomenmann.

  1. Der Badische Landesrabbiner Moshe Flomenmann. Foto: Nikolaus Trenz

BZ: Was bedeutet Urteil, das in der Beschneidung eine Körperverletzung sieht, für die jüdische Gemeinschaft?

Flomenmann: Die jüdische Gemeinschaft hier, aber auch weltweit, ist empört. Nirgendwo sonst gibt es ein solches Verbot. Im 1. Buch Moses steht klipp und klar geschrieben, dass ein männlicher Säugling am achten Tag nach seiner Geburt beschnitten werden soll. Damit wird der Bund zwischen ihm und Gott besiegelt. Über 3000 Jahre gilt dieses Gesetz. Es gehört zu unserer jüdischen Identität. Erst wenn ein Kind beschnitten ist, kann es auch einen Namen bekommen.

BZ: Ist ein männlicher Säugling kein Jude, wenn er nicht beschnitten ist?

Flomenmann: Jude ist er trotzdem. Allerdings unterliegt ein Unbeschnittener vielen religiösen Einschränkungen. So darf er zum Beispiel nicht aus der Thora-Rolle lesen. Manche Rabbiner stimmen einer rituellen Hochzeit nicht zu, solange ein Mann nicht beschnitten ist. Wir brauchen schnell eine Lösung. In Baden leben etwa 5000 Juden. Was machen wir, wenn jetzt ein Kind geboren wird? Wir brauchen Rechtssicherheit. Unsere Gebote besagen auch, dass man die Gesetze eines Landes nicht brechen darf.

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"Dass ausgerechnet in Deutschland, wo die Juden vernichtet werden sollten, so ein Urteil ergangen ist, empört uns."

BZ: Was bedeutet das?

Flomenmann: Illegal werden die Juden hier keine Kinder beschneiden, das ist klar. In diesem Fall muss ein Kind im Ausland beschnitten werden. Hier in Baden geht das ja noch, man kann leicht ins Elsass oder nach Basel gehen. Doch auch das ist eine große Erschwernis für so ein kleines Kind. Wir wissen auch nicht, was passieren würde, sollte es zu Nachblutungen kommen. Könnten wir dann angezeigt werden? Das alles ist unklar. Wir Juden sind wirklich in einer Notsituation.

BZ: Was würde ein definitives Verbot für das jüdische Leben hier bedeuten?

Flomenmann: Dass ausgerechnet in Deutschland, wo die Juden vernichtet werden sollten, so ein Urteil ergangen ist, empört uns. Es steht auch komplett im Widerspruch zur deutschen Politik. Diese hat uns ja signalisiert, dass man hier jüdisches Leben wieder ansiedeln möchte. Deshalb sind auch meine Eltern mit mir aus der Ukraine hierher gekommen. Doch wie soll das Judentum wieder erstarken, wenn man uns so in unserer Religionsfreiheit einschränkt?

BZ: Wie sehen Ihre Gespräche mit Politikern aus?

Flomenmann: Ich glaube nicht, dass dieses Urteil Bestand haben wird. Bei meiner Amtseinführung als Landesrabbiner am 1. Juli hat die baden-württembergische Staatsministerin Silke Krebs uns signalisiert, dass man an einer Lösung arbeitet. Doch allein schon, dass dieses Urteil gefallen ist, hat einen großen Schaden angerichtet und viele Juden daran zweifeln lassen, dass jüdisches Leben in Deutschland eine Zukunft hat. Noch sitzt aber niemand auf gepackten Koffern. Wir hoffen, dass es eine schnelle Lösung gibt.

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Autor: Annemarie Rösch