Kann man die Beschneidung auch positiv sehen?

Helmut Scaruppe, Schopfheim

Von Helmut Scaruppe & Schopfheim

Sa, 13. Oktober 2012

Leserbriefe

In der Presse wurde häufig über Wert oder Unwert der Beschneidung diskutiert. Kann da der Beitrag eines selbst Betroffenen weiterhelfen? Meine Beschneidung erfolgte im fünften Lebensjahr, kaum aus religiösen, wohl eher aus hygienischen Gründen. Die Eltern hatten sich zuvor medizinisch beraten lassen.

Rückblickend auf 90 Lebensjahre kann ich sagen, dass der Eingriff mir zumindest körperlich nicht geschadet hat. Dass er psychisch nachhaltige Spuren hinterließ, möchte ich in erster Linie dem antisemitischen Zeitgeist meiner Jugendjahre zuordnen. Die Hänseleien in der Hitlerjugend: "Eh, du bist ja ’n Jud!", auch Einschüchterungen in der Schule und später die abfälligen Bemerkungen bei der Musterung zum Militär erschütterten das Gemüt des Heranwachsenden. Mit zunehmender Reife stellte sich Trotz ein. Nun meinte ich: Das "böse" Kennzeichen sei kein Makel, sondern aus weiser Vorsorge eine immunisierende Impfung, die Unterstellungen durchschaubar macht und zu einem festen Standpunkt führt. Rebellion und Fahnenflucht aus Hitlers Wehrmacht waren die Folge. Kann man also, entwicklungspsychologisch gesehen, nicht nur in diesem Fall die Beschneidung auch positiv als Steuerung im Reifungsprozess begreifen?