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01. Juni 2015

Im Schloss – aber wenig königlich

Wie lebt es sich im Internat Salem? Ein Besuch bei einer Schülerin und einem Schüler der Mittelstufe.

  1. Schloss Salem: Wer hier lernen will, muss viel Geld bezahlen. Foto: dpa/Brenner

  2. Julian Remy an seinem Schreibtisch Foto: Katharina Brenner

Um 6.45 Uhr beginnt der Morgenlauf. Während Helena Uthoff eine Runde rennt, deckt Julian Remy den Frühstückstisch. Die beiden leben seit zwei Jahren im Internat Schloss Salem am Bodensee. Julian ist in der zehnten Klasse, Helena in der neunten. Mit dem Unterricht an ihrer Schule in Liechtenstein, wo ihre Familie lebt, war Helena unzufrieden. In Salem gefällt es ihr. "Welches Mädchen möchte nicht in einem Schloss wohnen?", fragt die 15-Jährige. Jeder ihrer Sätze ist druckreif, keine "ähs", kein Zögern. Julian kommt aus Zürich. Den 17-Jährigen haben die außerschulischen Aktivitäten nach Salem geführt. Er kümmert sich um die Austauschschüler, spielt Fußball und Tennis. Julians Großmutter hatte bereits das Internat besucht.

Die Schule Schloss Salem wurde 1920 gegründet. Mit 640 Schülerinnen und Schülern aus 40 Nationen ist es Deutschlands größtes Internat – obwohl die Zahlen rückläufig sind. Noch sind Unterstufe, Mittelstufe und Oberstufe auf drei Standorte am Bodensee verteilt; mittelfristig sollen alle Schüler im Salemer Schloss vereint werden. Dort leben bereits die 260 Schülerinnen und Schüler der Mittelstufe. Das Wohnen im Schloss ist wenig königlich – auch wenn hier Prinz Philip, der Ehemann der britischen Queen, vor über 80 Jahren zur Schule ging. Helena teilt sich ihr Schlafzimmer, in dem zwei Stockbetten und ein Schrank stehen, mit zwei anderen Mädchen. In dem Raum nebenan stehen ihre Schreibtische. Die Wände sind tapeziert mit Postern von "Der Hobbit", Helenas Lieblingsfilm. In einer Ecke steht ein Schminkkoffer.

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Julians Zimmer ist kaum dekoriert. Er wohnt allein, sein Mitbewohner hat das Internat verlassen. Es gibt einen Dreipunkteplan in Salem. Wer beispielsweise beim Rauchen oder Trinken erwischt wird, erhält einen Punkt. Auch Mobbing fällt darunter. Bei drei Punkten gibt es ein Anhörungsverfahren. Jedes Jahr müssten drei oder vier Schüler gehen, sagt Hartmut Ferenschild, der Pressesprecher des Internats. Es werden regelmäßig unangekündigte Drogentests durchgeführt. Früh morgens kommen Mitarbeiter in das Zimmer eines Schülers und ordnen eine Urinprobe an. Das geschehe ohne Verdacht, früher oder später treffe es jeden, sagt Ferenschild.

"Ich war naiv als ich hierher kam", sagt Helena. Sie dachte nicht, dass in Salem so viel geraucht und getrunken wird. Für sie selbst sei das kein Thema. Für Julian schon. "Man kann die Regeln auch mal brechen", sagt er. Auch die Schulleitung weiß das. Der Schulleiter sei der Meinung, wer Salem ohne einen Vollrausch verlasse, habe etwas falsch gemacht, sagt Ferenschild.

Das leer stehende Bett in Julians Zimmer wird jetzt genutzt, um Schüler zu beherbergen, die Schnuppertage absolvieren. Nicht nur Noten zählen bei der Bewerbung, auch soziale Fähigkeiten und letztlich das Einkommen der Eltern. Ein Jahr im Internat kostet rund 34 000 Euro. Ein Viertel der Schülerinnen und Schüler erhält ein Stipendium, bei den anderen zahlen die Familien das Geld. "Wer den Schülern bieten möchte, was wir ermöglichen, braucht dieses Geld", sagt Ferenschild. Helena betont mehrmals, dass sie sich für ein Stipendium beworben habe, ohne Erfolg. Jetzt zahlen ihre Eltern das Schuldgeld, dasselbe gilt für Julian. Von Eliteschule würden sie nicht sprechen. Dieses Gefühl vermittle ihnen niemand, erst recht nicht in Salem. Wer mit dem neuen Porsche des Vaters angebe, werde belächelt. Helena zitiert Kurt Hahn, den Schulgründer, mit dem letzten seiner Sieben Salemer Gesetze: "Erlöst die Söhne reicher und mächtiger Eltern von dem entnervenden Gefühl der Privilegiertheit."

Ein Schüler müsse für das Zusammenleben im Internat drei Eigenschaften mitbringen: Selbstbewusstsein, Offenheit und kein großes Bedürfnis nach Privatsphäre. Unterricht, Mittagessen, Nachmittagsaktivitäten, Hausaufgaben und Lernen, Abendessen, weitere Aktivitäten – bei diesem straffen Tagesplan bleibt kaum Zeit fürs Alleinsein. Einen sozialen Dienst und Sport muss jeder Schüler belegen. Helena besucht einmal in der Woche ein Altenheim, Julian ist der Assistent des Mentors. Dazu gehört, dass er um 21.30 Uhr die Mobiltelefone und Laptops seiner Mitschüler einsammelt und seine eigenen abgibt. Um 22 Uhr ist Bettruhe. Die elektronischen Geräte werden eingeschlossen und nach dem Mittagessen am Folgetag, um 14.15 Uhr, wieder heraus gegeben. Begeistert sind Helena und Julian nicht von dem Laptop- und Handyverbot. Die Schule reagierte mit der Reglung vor gut einem halben Jahr auf den exzessiven Medienkonsum der Schüler. Als Reaktion waren Schüler dem Tag der offenen Tür fern geblieben, der von ihrer Beteiligung lebt. Julian war daran beteiligt, er sah damals das Mitspracherecht der Schüler angegriffen, auch in anderen Belangen. Mit dem neuen Leiter der Mittelstufe habe sich die Situation verbessert, sagt Julian.

Für ihn beginnt im kommenden Schuljahr die Oberstufe. Nach dem Abitur möchte er Wirtschaft in London studieren. Sein Traumberuf? "Chef von Apple." Helena weiß es noch nicht genau. "Wahrscheinlich etwas mit Politik", sagt die 15-Jährige.

Autor: Katharina Brenner