Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.
23. Mai 2011 09:44 Uhr
Interview
Männer, Macht und Sex: "Sie glauben, ihnen gehört die Welt"
Kopflos erscheint das Verhalten einiger mächtiger Männer, wenn es um Sex geht. Im BZ-Interview erklärt Michael Berner, warum Sex für sie als Ventil zur Stressreaktion dient.
Gleich zwei mächtige Männer sorgten vergangene Woche mit Sex für Schlagzeilen: Dominique Strauss-Kahn, bisher der Chef des Internationalen Währungsfonds, drohen 25 Jahre Haft, weil er in New York ein Zimmermädchen genötigt haben soll. Ex-Gouverneur Arnold Schwarzenegger wurde von seiner Frau verlassen, als publik wurde, dass er ein Kind mit dem Hausmädchen gezeugt hatte. Warum stolpern Politiker, Stars, Sportler und gekrönte Häupter immer wieder über ihre eigene Libido? Das wollte Maikka Kost von dem Freiburger Sexualmediziner Michael Berner wissen.
BZ: Herr Berner, einigermaßen kopflos erscheint das Verhalten vieler Mächtiger, wenn es um Sex geht. Was treibt diese Männer um? Sind sie verblendet, naiv oder vielleicht sogar krank?Berner: Nun, grundsätzlich ist die Beschäftigung mit Sex in den wenigsten Fällen ein krankheitswürdiges Phänomen, obwohl es das auch gibt. Aber Sex als Motor der Fortpflanzung hat neurobiologisch gesehen ja zuerst positive Auswirkungen: Sex ist Ausdruck von Nähe und Zuneigung, was im Körper von Substanzen wie Dopamin und Oxytocin gesteuert wird, die für ein direktes Belohnungsgefühl und Wohlbefinden sorgen. Nur hält dieses leider nicht lange an, sodass viele Menschen – und Männer mehr als Frauen – Sexualität zur direkten Stressreaktion und zum kurzfristigen Entspannen von großen Belastungen nutzen. Ein Mann in einer Machtposition, der dauernd unter Beobachtung steht, der für tausende Angestellte verantwortlich ist oder ein Land regiert, braucht unter Umständen Ventile, um mit dem Stress umzugehen.
Werbung
BZ: Und dann fällt er über ein Zimmermädchen her, ist mit neun Frauen gleichzeitig liiert oder glaubt, dass ungeschützter Sex in der Besenkammer sicher ist?
Berner: Wir wissen nicht, was sich im Hotelzimmer von Dominique Strauss-Kahn abgespielt hat. Aber es scheint in der Tat so zu sein, dass manche Celebrities in ihrer echten oder eingebildeten Berühmtheit und Bedeutung empfinden, dass die Welt sich nur um sie dreht – meine Welt! Für solch einen Sonnenkönig ist es auch selbstverständlich, dass er sich mehr herausnehmen kann als andere: Ich werde hofiert und bekomme, was ich will. Sogar das Mädchen, das das Zimmer sauber macht – alles meins!
BZ: Das klingt aber schon nach einer kräftigen Realitätsverkennung...
Berner: Absolut. Außerdem muss so jemand über Charakterzüge verfügen, die man wohl als Narzissmus bezeichnen könnte – das Gefühl von Großartigkeit und Unwiderstehlichkeit. Aber auch eine Portion Rücksichtslosigkeit. Denn wie kommt man denn in solche Positionen? Doch, indem man auf dem Weg dorthin alle ausbremst, die sich einem entgegenstellen. Das Gefühl "Ich kann alles, ich darf alles, mir gehört alles" führt dann irgendwann dazu, dass man nicht mehr fragt, ob man einen Fehler begeht oder eine Grenze übertritt, die man respektieren müsste. Ein Gegenüber, das auch Gefühle hat, wird schnell zur Sache. Und wenn dann, wie ganz oft, Alkohol im Spiel ist, fallen die Hemmschwellen noch schneller.
BZ: Könnte man auch sagen: Macht steigert die Lust noch?
Berner: Nun, für den Mächtigen ist das Gefühl von Macht vielleicht genau das Lustvolle. Für ihn ist es auch einfacher, an einvernehmliche Sexualpartner heranzukommen, als für andere. Auf der anderen Seite denke ich, dass Macht – und die Attraktivitätssteigerung des Mächtigen dadurch – die Lust dessen steigern kann, der den Sex mit einem Prominenten oder einem Verantwortlichen als Chance sieht, an einem neuen, aufregenden Leben teilzunehmen. Ich meine hiermit ausdrücklich nicht die Frauen, die Opfer sexhungriger Promis wurden, sondern jene, die bereitwillig mitmachten. Boris Beckers Gespielin in der Besenkammer lockte womöglich die Aussicht, gut entlohnt zu werden. Andere wertet es auf, von einem berühmten Wettermoderator dauernd zu hören, wie einzigartig sie sind. In beiden Fällen hat die Macht (des anderen) womöglich die Lust gesteigert – und die Bereitschaft, sich auf etwas einzulassen, was man – nun ja – nicht gerade als normal und nachvollziehbar bezeichnen würde.
BZ: Bei Clinton war es eine Praktikantin, bei Schwarzenegger das Haus- und bei Strauss-Kahn ein Zimmermädchen. Es fällt auf, dass sich Prominente öfter ihnen sozial untergeordnete Geliebte aussuchen? Wie erklären Sie das?
Berner: Ich muss sagen, ich sehe da keine Regelmäßigkeit. So viele Gleichrangige kreuzen den Weg von mächtigen Männern ja auch nicht mehr. Wenn man, wie eingangs erklärt, davon ausgeht, dass Sex für viele von ihnen oft oder vor allem ein Ventil zur direkten Stressreduktion ist, dann geht es in dem spezifischen Moment absolut nicht darum, wer die Sexualpartnerin ist, welchen Uniabschluss sie hat oder ob sie hübsch ist, sondern nur darum, dass sie gerade da ist und sich auf mein Werben einlässt oder einzulassen scheint. Sex ist dann nur Mittel zum Zweck meiner sofortigen Befriedigung.
BZ: Und dann wird auch gar nicht mehr an die Karriere gedacht. Viele Männer in Machtpositionen könnten auf Nummer sicher gehen, indem sie eine Prostituierte bezahlten. Warum tun sie es nicht?
Berner: Dass auch Prostituierte keine Garantie dafür sind, dass die Geschichten nicht medial verbreitet werden, kann man ja in Italien sehen. Ein Sonnenkönig, der mit seinen Entscheidungen den Weltenlauf beeinflusst, oder der Star, der das von sich glaubt, ist immer nur so gut, wie die Berater, die er beschäftigt. Aber gerade, wenn es um Sex und Stressabfuhr oder um intime Momente geht, hören die Sonnenkönige möglicherweise auch nicht mehr auf ihre Berater. Von John F. Kennedy behauptet man ja, dass er sich alles von seinen Beratern organisieren ließ, was dann ja wohl bis zu seinem Tod nicht aufgedeckt wurde.
BZ: Sexaffären bei Promis scheinen sich zu häufen: Man erinnere sich auch an Tiger Woods, Kachelmann, König Carl-Gustav. Ist das ein Phänomen unserer Zeit?
Berner: Keineswegs. Wir haben heute nur bessere Informationskanäle und -rechte. Aber denken Sie nur an das sogenannte Recht der ersten Nacht im Mittelalter. Das war damals völlig normal: Der Fürst durfte fast alles in dieser Hinsicht. Heute erwarten wir von unseren Fürsten allerdings zu Recht, dass sie bestimmte Regeln der Mitmenschlichkeit einhalten.
BZ: Vom umgekehrten Fall – "Managerin vergewaltigt Liftboy" – hört man selten. Warum wohl?
Berner: Das ist jetzt natürlich feministisch vermintes Gelände (lacht). Aber tatsächlich kann man auch neurobiologisch begründen, dass hier möglicherweise größere Vernunft und Vorsicht waltet. Oxytocin ist als Botenstoff des Vertrauens bei Frauen wohl mehr an der Bereitschaft zum gemeinschaftlichen Sex beteiligt, und evolutionsbiologisch ist zudem die sorgfältige Prüfung des möglichen Sexualpartners notwendig. Also ist das so genannte schwache Geschlecht wohl weit weniger triebgesteuert.
BZ: Wenn eine Affäre auffliegt, ist die Fassungslosigkeit bei den ertappten Männern grenzenlos, die meisten weisen erstmal alles von sich. Eine typische Reaktion?
Berner: Gut, wenn ich, wie Strauss-Kahn, 25 Jahre Gefängnis in Aussicht hätte, würde ich auch erstmal alles abstreiten. Aber viele Mächtige werden ihrer Grenzüberschreitung erst gewahr, wenn sie damit in der Zeitung stehen und ihr Bild in der Öffentlichkeit bedroht ist. Bis dahin, und das hat man in anderer Hinsicht auch bei zu Guttenberg gesehen, trägt sie das Gefühl: Ich kann gar nichts Falsches tun. Ich kann ja über Wasser laufen. Erst wenn das nicht mehr funktioniert, rudern sie zurück, manchmal viel zu spät.
BZ: Von den Sexskandalen der Prominenten erfährt man früher oder später. Was Normalsterblichen treibt, bleibt meist verborgen. Kennen die das Problem der so genannten Hypersexualität gar nicht?
Berner: Natürlich. Den Schwenk zu normalen Menschen, die viel Verantwortung tragen, kann man ohne weiteres machen. Auch viele Nichtprominente können aufgrund von Stress und Überbelastung einen Punkt erreichen, an dem Sex, egal ob mit Partner oder ohne, zum Ventil wird. Burnout oder eine Depression, die dann vielleicht schon da sind, werden übersehen. Ein Warnsignal ist, wenn man ständig solche Möglichkeiten zur Stressregulation sucht. Dann muss man sich fragen: Wo spür' ich mich selber noch. Wie kann ich ein Gegenüber wieder respektieren? Wie komme ich runter von diesem Stressniveau? Oft wird Sex zur Spannungsreduktion eingesetzt, längst vorhandene Symptome der Erschöpfung aber werden ignoriert. Hier unterscheiden sich Normalsterbliche und Stars kaum. Beide brauchen dann vielleicht ärztliche Hilfe.
Michael Berner ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Nach Medizinstudium und Promotion kam er 1996 als Weiterbildungsassistent in die Abteilung für Psychotherapie und Psychotherapie der Freiburger Uniklinik, wo er von 2004 bis 2010 als Oberarzt und Leiter des Suchtbereichs wirkte. Seit 2010 führt Berner, der sich 2009 habilitierte, als Ärztlicher Direktor die private Rhein-Jura-Klinik in Bad Säckingen, die mit der Uniklinik eng kooperiert. Die Sexualmedizin ist eines seiner Fachgebiete. Mit einer Arbeit über weibliche sexuelle Dysfunktionen erhielt er 2008 den Preis der Internationalen Gesellschaft für Sexualmedizin. Zudem ist er im Vorstand des Informationszentrums für Sexualität und Gesundheit. (ISG). Dieser 1999 gegründete Verein mit Sitz in Freiburg ist bundesweit die erste Anlaufstelle für Fragen über Liebe, Lust und sexuelle Störungen und unterhält eine Geschäftsstelle an der Hugstetter Straße 55. Tipps und Rat gibt das ISG auch am Telefon: 0180-5558484 und im Netz: http://www.ISG-info.de
Autor: Maikka Kost


