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28. November 2011

Viele Rentner in der Ukraine leben in Armut

In der Ukraine leben viele Rentner in bitterer Armut – Ein Besuch in Freiburgs Partnerstadt Lemberg.

Oft fragt sich Ksenja Mardan, warum sie nicht einfach verrückt wird. Vielleicht wäre dann alles besser? Das Leben nicht mehr so bedrückend wie ihr 13 Quadratmeter großes Zimmer, ihr Heim seit 28 Jahren. Wenn sie verrückt würde, dann müsste sie nicht mehr ständig an all ihr Elend denken. Jeden Tag geht sie auf dem alten Holzboden auf und ab. Zwei, drei Schritte in die eine Richtung, zwei drei Schritte in die andere. Dann setzt sie sich auf ihr durchgelegenes Bett. Aus dem alten Plastikradio knarrzt monoton ein Ansager, dazwischen Musik. Frau Mardan lauscht. Sie versucht, nicht nachzudenken. Am besten ist, sie blickt nach rechts, zum Fenster mit den Blumentöpfen davor. Dort scheint hell die Sonne durch staubiges Glas. Nach links will sie nicht sehen. "Es ist kein schöner Anblick", sagt die alte Frau. Da steht der Ofen hinter dem Vorhang, ein Stuhl, ein paar Pfannen und Blechtassen, zwei Eimer. Das ist alles, was die 78-Jährige ihr Eigen nennen kann. Sie hat nicht einmal ein richtiges Regal, um alles einzuräumen.

"Wenn ich nur eine eigene Küche hätte, dann würde das hier schon anders aussehen", meint die alte Frau. Und eine Toilette. Die ist unten im Keller. Dort ist es kalt – so kalt wie das Wasser, das aus dem Hahn kommt. Mit ihrer Polyarthritis ist das Treppensteigen für Frau Mardan jedes Mal eine Tortur. Früher muss das Haus einmal eine gute Adresse gewesen sein. Hohe Zimmer, prächtige Fassade aus der K. und K.-Zeit. Ein stolzes, altes Bürgerhaus, wie so viele in Lviv (Lemberg). Jetzt blättert seit Jahrzehnten der Putz von den Wänden. Frau Mardans Wohnung liegt direkt neben der großen Eingangstür des Mehrfamilienhauses. Vielleicht war es einmal ein Dienstmädchenzimmer. Rund um den Türrahmen ist lieblos Karton genagelt. "Damit es im Winter nicht so zieht", sagt die Rentnerin.

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Vor 28 Jahren bekam sie die Wohnung vom Papierkombinat zugewiesen. Zuvor hatte sie immer als Untermieterin bei Fremden gewohnt. "Mein Leben lang hab ich hart gearbeitet. Zuerst als Melkerin in der Kolchose, dann 23 Jahre in der Fabrik", sagt die alte Frau. Eine Liebe hat sie nie gefunden. Dann kam der Herzinfarkt. Die Kombinatsverwaltung ließ sich endlich erweichen. Sie wies der damals 50-Jährigen mit Beginn der Invalidenrente ihre erste eigene Wohnung zu: 13 Quadratmeter ohne Küche, Bad und Toilette. Nicht mal ein Waschbecken gibt es.

Viel ist ihr nicht von all der Plackerei geblieben. Keine 80 Euro Rente im Monat. "Miete, Strom, Heizung, Essen und vor allem meine Medikamente. Ich weiß nicht, von was ich das alles bezahlen soll", sagt die 78-Jährige. Zieht sie Miete und Nebenkosten ab, bleiben ihr umgerechnet 1,80 Euro täglich für Essen und Kleidung. Wenigstens die Medikamente muss sie – für ein Jahr – nicht mehr selbst bezahlen. Ein vom DRK-Landesverband Badisches Rotes Kreuz finanziertes Projekt unterstützt die schlimmsten Härtefälle: alleinstehende Rentner, die nur die Mindestrente beziehen und an einer schweren chronischen Erkrankung leiden. Wie lange, das hängt vom Spendeneingang in Deutschland ab. "Wenn ich wieder meine Medikamente selber zahlen muss, mein Gott, ich möchte gar nicht daran denken", sagt die Rentnerin leise.

Zwei Mal in der Woche, je nach Arztverschreibung, kommt Lubow Paprotska vorbei. Manchmal hat die Schwester vom Roten Kreuz eine Tüte mit Mandarinen dabei. "Vitamine, Vitamine", lächelt die 54-Jährige dann. Sie misst den Blutdruck, verabreicht wenn nötig eine Spritze. Sie bringt die Medikamente mit für das schwache Herz und die Polyathritis. Manchmal ist sie der einzige Mensch, mit dem die Rentnerin am Tag spricht. Ab und an kommt auch jemand von der griechisch-katholischen Kirchengemeinde. Dann gibt es Lebensmittel als kleine Unterstützung. Ohne Hilfe wäre Frau Mardan verloren.

Sie genießt jeden Besuch. "Immer alleine zu sein, irgendwann fühlt man sich da wie ein Ungeheuer", sagt die Rentnerin. Heute gelingt ihr sogar ein Lachen, als die Krankenschwester da ist. Dann aber kommt wieder die Trauer über das Leben und die Tränen fließen. Lubow Paprotska macht das einzige, was sie in solchen Augenblicken tun kann. Sie nimmt die alte Frau in den Arm. "Wissen Sie, möge Gott mir verzeihen, aber wenn ich nur dürfte, ich würde am liebsten sterben", flüstert die 78-Jährige. Einen Satz, den Schwester Paprotska nicht zum ersten Mal hört. Wenn die alten Menschen nicht oft tiefgläubige Menschen wären, für die Suizid eine unverzeihliche Sünde ist...

Armut ist Alltag

in der Ukraine

3230 Senioren werden von 102 Rotkreuz-Schwestern regelmäßig in Lviv und Umgebung besucht. Härtefälle, die vom Sozialministerium zugewiesen werden. Oft sind es Alleinstehende, um die sich niemand kümmert. Alte Menschen, die unter traurigsten Bedingungen hausen. Armut ist Alltag in der Ukraine: Laut offiziellen Statistiken (Stand 2009) leben 26,4 Prozent der Bevölkerung unter der Armutsgrenze, westliche Beobachter gehen von einer höheren Zahl aus. Fast die Hälfte von ihnen dürften Rentner sein.

"Jeden Tag sehe ich alte Menschen die betteln, manchmal sogar in den Mülltonnen nach Essen suchen. Jeden Tag schmerzt mich das auf das Neue", sagt die Rotkreuz-Mitarbeiterin. Dabei lebt sie selber am Rand der Armut. Als Krankenschwester verdient sie keine 80 Euro netto im Monat: Mindestlohn in der Ukraine für einen Beruf mit dreijähriger Ausbildungszeit. Oft arbeiten deshalb Schwestern im Ruhestand für das Rote Kreuz, um ihre bescheidene Rente aufzubessern. Junge Menschen suchen sich lukrativere Jobs. Sie ist stolz darauf ist, dass ihre Tochter auch Krankenschwester wird. "Auch wenn es heute vielleicht manchmal vergessen wird, aber Geld ist nicht alles, was zählt", sagt die 54-Jährige.

Dann klingelt sie bei den Jschuks. Stefania Jschuk sitzt auf ihrem Bett. Die 76-Jährige will leben. "Hoffentlich habe ich noch viele Jahre. Meine Sorjana brauch mich doch noch", sagt die alte Dame und blickt zu ihrer Tochter. Sie bringt den Gästen, was die Küche hergibt: ein wenig Weißbrot mit Butter beschmiert. Sorjana Jschuk ist 36 Jahre alt, sie wurde mit einer geistigen und körperlichen Behinderung geboren. Zwei Stunden am Tag ist die junge Frau in einer Behindertenwerkstatt der Caritas, dann kommt sie nach Hause. Die beiden Frauen helfen sich gegenseitig. Die gebrechliche Mutter und ihre Tochter, die so denkt und fühlt, wie ein keines Mädchen. Beide sind sie oft krank. "Wenn nur nicht unsere Medikamente so teuer wären. Wir essen nur Milch, Brot und ein wenig Butter, dann geht es schon", sagt die 76-Jährige. Vergangenes Weihnachten gab es vom Städtpartnerschaftskomitee aus der deutschen Partnerstadt Freiburg ein Paket. "Was war das für eine schöne Überraschung", sagt Stefania Jschuk.

Dann erzählt sie von ihrem Leben, von ihrer Arbeit in einem Werk für Telefonapparaturen. Mit den Händen zeigt sie, wie sie den dünnen Kupferdraht aufgespult hat. 35 Jahre hatte sie dort gearbeitet. "Weil ich so fehlerfrei gearbeitet habe, erhielt ich sogar eine Auszeichnung", berichtet die Rentnerin.

Spendenkonto: DRK-Landesverband Badisches Rotes Kreuz, Sparkasse Freiburg Nördlicher Breisgau. Konto: 12387649,
BLZ: 680 501 01, Verwendungszweck: 9617 Ukraine-Hilfe.

Autor: Till Mayer