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29. März 2011
Eine elegante Erzählung - wiederentdeckt von einem Freiburger Philosophen
"Der letzte Tod des Gautama Buddha": Ludger Lütgehaus hat eine elegante Erzählung Fritz Mauthners wiederentdeckt.
Einen solchen Text hat man lange nicht gelesen, einen Text, der zunächst Dichtung sein will und dann philosophisches Traktat. Die Erinnerung scheint auf an jene Zeit, da man Hesses "Siddharta" zum Lieblingsbuch erkor. Tatsächlich geht es in beiden Büchern um die Lehre des Siddharta Gautama, den seine Jünger den Buddha nannten. Fritz Mauthner teilte mit Hesse die Faszination für den Buddhismus – aus der Sicht eines Atheisten. Was der "wilde Denker" unter dem Titel "Der letzte Tod des Gautama Buddha" zu Papier brachte, ist befremdliche Kost, dabei von solch sprachlicher Delikatesse, dass allein deshalb der Freiburger Philosoph und Publizist Ludger Lütkehaus zu loben ist, der die schmale Erzählung dem Vergessen entriss.
Mauthner selbst zählt heute zu den fast vergessenen Philosophen. Dabei hatten seine "Beiträge zu einer Kritik der Sprache" Joyce und Beckett fasziniert. Philosophie erschien Mauthner als "Kampf gegen die Verhexung unseres Verstandes durch die Mittel unserer Sprache." Seine radikale Sprachskepsis hatte ihn indes nicht zu Becketts "sprachloser Nihilistik", sondern zu einem mystischen Sprechen geführt, das auch die Erzählung inspiriert. Ihre Sprache ist archaisch, sie klingt nach Epos, Märchen, Legende. Tatsächlich lehnt sie sich an den für die Buddha-Biografik wichtigsten Text, das "Mahaparinibbana-Sutta" an, das 18. Stück der Lehrreden des "Erhabenen".
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Es geht um den Abschied vom Leben, der dem Erleuchteten bei Mauthner weit schwerer fällt als in der Sanskrit-Vorlage. Eine "ironische Legende" nennt Lütkehaus die Erzählung Der Sprachphilosoph Mauthner versteht es meisterhaft, in unterschiedlichen Zungen zu reden. Die Anverwandlung frommer Formeln sind laut Lütkehaus vor allem parodistisch zu lesen. Das betrifft auch die persönliche Umgebung des "Erleuchteten". Insbesondere Ananda, Buddhas Lieblingsjünger, verleiht Mauthner die Züge eines Machtmenschen, der die Horde der nach dem Tod des Meisters hedonistisch entfesselten Mönche doch nicht zu zügeln vermag. Um die sterblichen Überreste des Buddhas entbrennt ein Wettstreit. Während sich ihr Lehrer in Leere auflöst, feiern ihn die Verlassenen als Gott und Kirchenstifter.
Folgerichtig gibt es gleich das erste Menschenopfer: Gesteinigt wird nicht zufällig jener Mensch, dem der Buddha seine letzten Worte ins Ohr flüsterte: "Keine Gemeinde, keine Kirche ist eine Zuflucht … Sprich keine Worte nach. Hab mich lieb, aber glaube nicht an mich." Alexis Kasandsakis’ "Letzte Versuchung Christi" kommt in den Sinn, obgleich kein Erlöser für die sündige Menschheit stirbt, und der Inder nicht, wie der Messias im Roman des Griechen, die freie Wahl hat. Mauthner, der brillante Religionskritiker, hat indes keine Parodie geschrieben. Dafür nähert er sich der Figur des Buddha mit zu großem Respekt: Eine wunderbare"Schmetterlingspredigt"– Essenz der eigenen Sprachskepsis -– legt er dem Sterbenden in den Mund. Dass gerade der Buddha sich an die irdische Existenz klammert, mag verblüffen, doch ist der Sterbende ebenso wenig Buddhist wie der Autor, der gleichwohl ein tiefes Arom der Lehre aufgesogen zu haben scheint. Heißt es nicht im Zen: "Triffst Du den Buddha, so töte ihn!"?
Eine schöne Nachlektüre zu Lütkehaus’ Buch über das Nichts ist dieses geschliffene Stück Prosa, das Lust macht, Fritz Mauthner wieder zu lesen.
– Fritz Mauthner: Der letzte Tod des Gautama Buddha. Eine Erzählung. Herausgegeben von Ludger Lütkehaus. Libelle-Verlag, Lengwil 2010. 125 S., 18,90 Euro.
Autor: Stefan Tolksdorf
