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31. Januar 2012

Lange Sekunden des Schweigens

Theodor Fontanes Kurzroman "Stine" bei den "Wintergästen".

Wer ist diese Ernestine Rehbein, genannt Stine? Sie ist eine entfernte Verwandte von Emilia Galotti und Luise Miller. Nah verwandt ist sie mit Lene Nimptsch und befreundet mit Effi Briest. Was die jungen Frauen verbindet, ist ihr Scheitern im Machtgefüge der gesellschaftlichen Zwänge. Während Emilia und Luise anfangs noch kämpfen, weil sie glauben, ihre Liebe könnte die Klassenschranken aufheben, hat Stine bereits resigniert, denn sie hat all das verinnerlicht, was in ihr eigentlich den "Drachen der Revolution" (Fontane) kampfbereit machen müsste. Doch als literarische Tochter Fontanes weiß sie: "Die Welt besteht nun mal nicht aus lauter Helden, und die bürgerliche Welt ist zu freiwilliger Übernahme dieser Rolle besonders unlustig."

Unter diesen Lebensbedingungen hat sich Stines Schwester Pauline, verwitwete Pittelkow, richtig entschieden. Sie lässt sich vom alten Grafen von Haldern aushalten, findet es zwar "verkwehr", dass "der Olle", einmal auch "das Ekel" genannt, von Zeit zu Zeit bei ihr erscheint, doch sie nimmt es hin, schließlich ist es zu ihrem Vorteil. So schlängelt sie sich als junge Witwe mit unehelichem Kind durchs Leben, weil sie weiß, dass es nicht darauf ankommt, "wie wir wollen, sondern wie die andern wollen."

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Das hat auch Wanda Grützmacher begriffen, Schauspielerin am Berliner Nordend-Theater. Ihr ist klar, was Publikum und Herrschaften wollen und sie spielt es ihnen vor, doch "die Courage, …den ganzen Krimskrams zu durchbrechen" bringt sie nicht auf, sie will es auch gar nicht. Diese Courage hat als einziger der junge Graf Waldemar von Haldern, der Stine heiraten möchte und mit ihr in Amerika "bei Adam und Eva wieder anfangen will", doch "das arme kranke Huhn", wie Pauline ihn einmal nennt, hat dazu nicht mehr die Kraft. Und Stine, die Brave aus einfachen Verhältnissen? Sie lässt ihr Scheitern wehrlos an sich herankommen. Ohne ein Wort des Widerspruchs hört sie sich Paulines Predigt an: "Es hat nu mal jeder seinen Platz, un daran kannst du nichts ändern… Ich puste was auf die Grafen,… aber ich kann so lange pusten, wie ich will, ich puste sie doch nicht weg, un den Unterschied auch nich; sie sind nun mal da und sind, wie sie sind…" Noch Waldemars letzte Bitte an sie: "Ich beschwöre dich, Stine, mache dich frei davon (gemeint sind ihre Vorurteile), und vor allem entschlage dich deiner Ängstlichkeiten" verhallt ungehört. Waldemar erschießt sich, Stine fällt bei seiner Beerdigung in "ein heftiges und beinahe krampfartiges Schluchzen." Und die Vermieterin Polzin von Stines Chambre garnie sagt zu ihrem Mann mit kleinbürgerlicher Bosheit: "Das kommt davon."

Marion Schmidt-Kumke hat Fontanes Kurzroman in Szenen zusammengefasst mitsamt den langen Sekunden des Schweigens zwischen ihnen, in denen das Erzählte nachklang, um dann wieder neu zu beginnen. Con affetto, alle szenischen Momente und Stimmungen nuanciert aufgreifend gelesen von Marie Jung, Chantal le Moign und Sebastian Saborowski. Und wenn sie nichts sagten, erzählten ihre Blicke untereinander die Geschichte weiter.
– Am Sonntag. 5. Februar, 11 Uhr, liest Marie Jung im Burghof Lörrach von Natascha Kampusch "3096 Tage".

Autor: cyb