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18. Januar 2012
Drei Viertel und ein Viertel
SACHBUCH:In welchem Maß ist Intelligenz ererbt? Der Wissenschaftsjournalist Dieter E. Zimmer über den Stand der Forschung.
Ohne Thilo Sarrazins politische Polemik "Deutschland schafft sich ab" gäbe es dieses Buch von Dieter E. Zimmer nicht. Es fragt im Titel "Ist Intelligenz erblich?" und hat den Untertitel "Eine Klarstellung". Der langjährige Feuilletonchef der Zeit und vielfach ausgezeichnete Wissenschaftsjournalist springt dem provozierenden Bestseller-Autor in einer zentralen These bei, die dessen Kritiker verwarfen: Intelligenz werde – nach der seit langem von der Forschung anerkannten Auffassung – maßgeblich von den Genen bestimmt.
In seinem von einer wahren Obsession für Wissenschaftlichkeit geprägten Buch zeichnet Zimmer hundert Jahre einer Forschungsgeschichte nach, die sich in neuerer Zeit vor allem in den Vereinigten Staaten aber auch in westeuropäischen Ländern abgespielt hat. In Deutschland allerdings, so Zimmer, hätten die meisten Forscher einen großen Bogen um die entscheidenden Fragen gemacht. Die Messbarkeit nicht-physischer Eigenschaften der Menschen und die Frage, ob die kognitiven Fähigkeiten angeboren sind, habe vor dem belastenden Hintergrund der nationalsozialistischen Rassenideologie hierzulande keine Chance gehabt, erforscht zu werden. Sollte diese Schere im Kopf der Forscher hierzulande tatsächlich bestehen, müsste darüber nachgedacht werden.
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In einer ersten Stufe vollzieht Zimmer die Etappen der Intelligenzforschung nach. Zentraler Begriff für die Messung der Intelligenz eines Menschen ist der Intelligenzquotient (IQ). Er wurde von William Stern, einem deutschen Psychologen aus einer assimilierten jüdischen Familie im Jahr 1912 erfunden.
Die Verteilung der IQs einer hinreichend großen Zahl von untersuchten Personen folgt der von Gauß definierten Normalkurve. Aus praktischen Gründen wird der Durchschnittswert des IQ mit 100 bezeichnet. Die glockenförmige, symmetrische Kurve hat bei diesem Durchschnittswert ihren Gipfel und flacht nach beiden Seiten stark ab. Intelligenzquotienten unter 70 (etwa zwei Prozent der Untersuchten) werden als geistige Behinderung, solche über 130 (ebenfalls etwa zwei Prozent) als hohe Intelligenz gewertet. Die überhaupt gemessene Spanne bewegt sich zwischen 60 und 140. In jeder hinreichend großen Gruppe wurden bei etwa 82 Prozent der Teilnehmer mittlere IQ-Werte zwischen 80 und 120 gemessen.
Die ganze IQ-Forschung wurde von den Zweifeln an der Tauglichkeit schulischer Förderprogramme in den USA begleitet. Man wollte wissen, ob man mit schulischen Mitteln biometrisch messbare Intelligenz fördern könne. In seiner Studie stellt Zimmer übrigens eine große Übereinstimmung von biometrisch gemessenem IQ und den schulischen Leistungen etwa in der Pisa-Studie fest. Dass es gilt, den erwerbbaren Teil der Intelligenz, der also nicht ererbt ist, durch bestmögliche Förderung im Elternhaus, in der Schule und der gesellschaftlichen Umwelt besser zu fördern, stellt Zimmer nie in Frage.
Die IQ-Messungen führten zwangsläufig zur Frage nach der Erblichkeit von Intelligenz. Zimmer berichtet in bewundernswerter Knappheit und Deutlichkeit über vier Jahrzehnte Erblichkeitsforschung. Das war – und ist bis heute – im Wesentlichen empirische Forschung an ein- und zweieiigen Zwillingen, an Adoptivkindern, an Heimkindern. Immer ging es darum, die ererbten Anteile der Intelligenz von den in der Umwelt erworbenen zu trennen.
Zimmer referiert den Stand der Forschung und bezeichnet ihn als nach heutigem Erkenntnisgrad gesichert: Mehr als drei Viertel der biometrisch messbaren Intelligenz müssen als erblich angelegt angesehen werden, ein Viertel ist erworben. Der Autor leitet das anhand von zahlreichen Forschungsergebnissen aus verschiedenen Ländern ab. Er führt dabei – immer allgemeinverständlich bleibend – in manche Geheimnisse der Statistik und Wahrscheinlichkeitsrechnung ein, betont immer wieder den Unterschied zwischen Korrelation und Kausalität.
Dramatisch spitzt sich das Buch dann in der Frage zu, ob es nationale Unterschiede sowohl bei der Erblichkeit als auch bei der gemessenen Intelligenz gibt. In der englischsprachigen Welt scheut man sich in dieser Frage nicht von "racial", also rassischen Unterschieden zu sprechen. Ganz in deutscher Befangenheit gibt Zimmer in dieser Frage kein eigenes Urteil ab sondern zitiert ausgewählte Vertreter beider Auffassungen.
An dieser Stelle setzt er sich auch mit den von ihm als in sich widersprüchlich bezeichneten Thesen Thilo Sarrazins auseinander. Er hält dessen Ausführungen über die Erblichkeit des IQ für nebulös und die über ein "jüdisches Gen" – für hohe Intelligenz nämlich – für ein "gefährliches Impromptu". Ob es politisch vertretbar oder wünschenswert sei, mit einer gezielten Migrationspolitik gleichsam IQ zu "importieren" und damit den "exportierenden" Gesellschaften zu entziehen, diskutiert der Autor nicht. Ihm geht es ausschließlich um die Darstellung des Forschungsstandes.
Im Laufe dieser Darstellung wandelt sich das Buch von Dieter E. Zimmer – dessen zweite Obsession neben der Humanwissenschaft die Übersetzung des belletristischen Werkes von Vladimir Nabokov ist – von einer Attacke auf die Kritiker Sarrazins zu einer wissenschaftlich fundierten Widerlegung von dessen spektakulärsten Thesen über die "kulturelle Prägung" muslimischer Migranten durch islamische Religiosität und traditionelle Lebensformen – auch das "eine Klarstellung".
– Dieter E. Zimmer: Ist Intelligenz erblich? Eine Klarstellung. Rowohlt Verlag, Reinbek 2012. 321 Seiten, 16,95 Euro.
Autor: Harald Loch
