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14. November 2017

Einweihung

31. Freiburger Literaturgespräch war das erste im neuen Literaturhaus

Aus dem Rathaus hinein ins neue Literaturhaus: Beim 31. Freiburger Literaturgespräch war vieles anders als früher.

  1. Péter Nádas (links) beim Freiburger Literaturgespräch im Dialog mit Aleš Šteger Foto: Rita Eggstein

Das 31. Freiburger Literaturgespräch war das erste im neuen Literaturhaus. Mit dem Ortswechsel verbunden war eine ganze Reihe von neuen Formaten. 16 Autorinnen und Autoren hatten an vier Tagen ihren Auftritt: Neben Lesungen waren auch eine Ausstellung, ein Film und eine Party im Programm. Ein kleiner Streifzug durch das Festival an den drei Tagen nach der Eröffnung (BZ vom 11. November), der keine Vollständigkeit beansprucht.


Kames, Winter, Aydemir

Die nach und nach hereinkommenden Besucher suchen sich am Freitagnachmittag einen Platz auf Holzkästen, die an die Sprungkästen aus dem Sportunterricht erinnern. Nach und nach stellen die Mitarbeiter Stühle dazu, manche setzen sich auf ein Kissen am Boden – eine Gewohnheit aus der Zeit der Wohngemeinschaftslesungen. Und plötzlich ist der Raum voll. Nur in der Mitte klafft eine Lücke um das Objekt, das die Künstlerin Denise Winter dort installiert hat, und das von zwei Seiten mit Dias und einem Video bestrahlt wird. Der Eismeerkathedrale in Tromsø ist es nachgebildet, erzählt die Künstlerin im Gespräch mit Maren Kames. Im Hintergrund läuft Lyrik von Kames aus "Halb Taube Halb Pfau" vom Band: eine Aufnahme, die bei der Premiere des Buchs gemacht wurden, der Hall der Kirche, in der sie es präsentierte, füllt den Raum. In der Diskussion über die Installation offenbaren die Künstlerinnen ein ähnliches Verfahren. Fragmentierung und Neuzusammensetzen, verschiedene Schichten, die sich übereinanderschieben – damit experimentieren beide, nur mit unterschiedlichem Material.

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An die Vernissage schließt sich eine weitere Diskussion mit Kames an. Diesmal mit einer Schriftstellerkollegin, die ganz anders arbeitet. Fatma Aydemir hat gerade ihren Debütroman "Ellbogen" veröffentlicht. Im Gegensatz zu Kames’ kontemplativer Lyrik holt Aydemir die Hörer auf die harten Straßen Berlins, auf denen ihre Protagonistin den 18. Geburtstag feiert. Aydemir begann die Arbeit mit einer Szene vor Augen, um die sie herumgeschrieben hat. Trotz augenfälliger Unterschiede berichten die Autorinnen von ähnlichen Erfahrungen mit ihren Werken: Bei beiden war es der Erstling.

Pop à la française
Wer am Freitagabend noch später den Weg ins Literaturhaus fand oder nach der Lesung des französischen Autors Tanguy Viel gleich dageblieben war, konnte sich davon überzeugen, dass Literaturfans nicht nur auf Stühlen hocken und zuhören: Der schöne Raum, der seine Bewährungsprobe als Festivalort mit Bravour bestanden hat – nur die Kaffeepausen im Rathaus waren schöner – vibrierte zu den von DJ Thomas Bohnet ausgewählten Klängen. Französische Hits zwischen Chanson und HipHop, Françoise Hardy und MC Solaar waren aus naheliegendem Grund angesagt – La Grande Nation war eben Ehrengast auf der Frankfurter Buchmesse. Eine sehr tanzbare Angelegenheit – und das Publikum wurde mit fortschreitendem Abend immer jünger. Was in der Natur der Sache liegt.
Die Vormittagslesungen

Der Sturm weht am Samstagmorgen im Hinterhof die Blätter von den beiden imposanten Bäumen, der Regen hat den Boden aufgeweicht. Da entfalten die nordische Strenge und das viele Holz der Einrichtung ihre Wirkung. Richtig gemütlich wirkt der Saal, obwohl er bis auf den letzten Platz gefüllt ist. Die Scheiben beschlagen. Drei Autoren haben Passagen aus ihren Werken vorbereitet. Thomas Lehr liest aus seinem Roman "Schlafende Sonne", in dem er das vergangene Jahrhundert in einem Tag kulminieren lässt. Wie in einer Ausstellung soll der Leser die Abschnitte deutscher Geschichte besichtigen. David Constantine liest eine Kurzgeschichte aus "Wie es ist und wie es war". In einer schlanken Sprache verschränkt er vier ganz unterschiedliche Leidensgeschichten. Ein einsamer Pädagoge, das Massaker an ukrainischen Juden in Babi Jar, ein magersüchtiger Teenager in England und die Flucht zweier Jugendlicher aus Somalia. Im Text begegnen sich die Protagonisten, die Empathie für das Leid des anderen stiftet Erlösung auch für das eigene Leben. "Ich und alle, die schreiben", erklärt Constantine, "wir glauben an die gute menschliche Möglichkeit der Fiktion." Dadurch, dass sie gedacht werde, sei sie schon nicht mehr bloß Fiktion, dränge nach Verwirklichung. Schließlich liest noch Melinda Nadj Abonji aus ihrem Roman "Schildkrötensoldat", in dem ein Junge in den Krieg auf dem Balkan geschickt wird. Nach drei Stunden gehen die Türen wieder auf. Bis zur zweiten Lesungsrunde muss sich das Publikum nun mit der Freiburger Realität herumschlagen.
Die Nachmittagslesungen
Dietmar Dath, Orsolya Kalász, Aleš Šteger: Unterschiedlicher können Autoren kaum sein. Der Experte für Gesellschaftstheorie mit einer Vorliebe für Sciencefiction, die ungarische Huchelpreisträgerin 2017, der slowenische Autor, der in die Städte der Welt reist, um dort immer wieder aufs Neue unvorbereitet eine Art Tagebuch zu schreiben: Das war eine recht rasante Samstagsnachmittagsmischung. Dath, der aus Schopfheim stammt und immer noch eine Wohnung in Freiburg besitzt, legte anlässlich seines Romans "Der Schnitt durch die Sonne" dar, dass Kunst von Haltungen handelt, nicht von Informationen, Kalász lud noch einmal auf einen Streifzug durch ihre lyrische Wappenkunde in dem prämierten Band "Das Eine" ein, Steger nahm sein Publikum mit nach Belgrad und nach Mexiko Stadt. Sein "Logbuch der Gegenwart" wolle nur beschreiben, sagte Steger. Aber dann hörte man doch sehr starke moralische Appelle, die an Ende sogar in eine Art Gebet mündeten.
Péter Nádas
Er gehört zu den großen europäischen Autoren der Gegenwartsliteratur. Péter Nádas gab im vollbesetzten Wintererfoyer des Freiburger Theaters auf die behutsamen Fragen seines Freundes Aleš Šteger hin bereitwillig Einblick in die literarische Werkstatt: Von Träumen und einer Nahtoderfahrung war die Rede, von der Musik als Vorbild für Literatur – und in der Lesung dann von den Waschfrauen im Ungarn der Vorkriegszeit, die für ihre adeligen Herrschaften alle Hände voll zu tun hatten und manchmal den Flecken in männlichen Unterhosen nicht beikommen konnten. "Aufleuchtende Details" heißt das 1200 Seiten umfassende Werk des gelernten Fotografen: das Panorama einer ganzen Epoche, eingefangen im Blick auf eine Familiengeschichte. Nichts sei daran erfunden, sagte Nádas. Aber alles erzählt. Davon konnte man sich überzeugen.

Autor: Manuel Fritsch