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13. Juni 2016

Lesung in Freiburg

Birgit Weyhe stellt in Freiburg ihr Graphic Novel "Madgermanes" vor

Die Zeichnerin und Autorin im BZ-Porträt.

  1. Fremdheitsgefühl: Leopard frisst Brezel. Foto: Madgermanes

  2. Birgit Weyhe Foto: privat

Was bedeutet Heimat? Um diese Frage kreist Birgit Weyhes Graphic Novel "Madgermanes". So nennen sich Mosambikaner, die ab den späten 70ern als Vertragsarbeiter in die DDR kamen. Mit der Wende, dem Ende des sozialistischen Bruderstaats, verloren sie ihr Aufenthaltsrecht. Die meisten der 20 000 Ostafrikaner reisten "heim" nach Mosambik. Dort sollte ihnen die Hälfte ihres gesamten Lohnes ausgezahlt werden. Sie erhielten nichts, galten als Versager in einer Gesellschaft, der sie nicht mehr richtig angehörten. Weyhe, die nun in Freiburg liest, wurde 1969 in Deutschland geboren, wuchs aber in Ostafrika auf. Ihre beeindruckende Erzählung "Madgermanes" hat gerade den Max-und-Moritz-Preis als bester deutscher Comic gewonnen – die höchste Auszeichnung des Genres.

"So fremd wie damals in München habe ich mich nie wieder gefühlt", erinnert sich Weyhe an die Rückkehr mit 19 Jahren. Ihre ganze Kindheit spielte sich außerhalb des europäischen Kulturkreises ab: "Lieder, Bücher, Mode, TV-Serien – ich hatte von nichts eine Ahnung." Es erschien ihr unmöglich, sich mit den Aquarellen, die sie in Afrika gezeichnet hatte, an der Kunstakademie zu bewerben. Kinobesuche, Bücher und Theateraufführungen füllten ihre nächsten zwei Jahre: "Ich habe deutsche und europäische Kultur aufgesaugt wie ein Schwamm." Inzwischen betrachtet sie Deutschland als kulturelle Heimat. Daheim fühlt sie sich andererseits, wenn sie die Gerüche und Farben Kenias und Ugandas, der Orte ihrer Kindheit, wahrnimmt. Ein Spagat.

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Den Madgermanes ergeht es ähnlich, trotz anderer Erfahrungen. Mit vielen von ihnen hat Weyhe seit 2007 Interviews geführt und diese zu einer fiktiven Dokumentation mit drei Charakteren verdichtet: Der ruhige José/Toni ist Anhänger der sozialistischen Regierungspartei Frelimo. Basilio feiert gern und liebt die Frauen. Anabella macht Kurse. Sie will weiterkommen. Die Drei lernen sich in der DDR kennen. Sie werden Freunde, Anabella und José sogar ein Paar, bis ein gefühlter Verrat das Trio trennt. José fliegt als erster nach Mosambik zurück, Basilio Jahre später. Anabella bleibt in Deutschland. Sie schlagen sich besser durch als viele ihrer Leidensgenossen, die Drogen verfallen. Doch eine wahre Heimat findet keiner mehr.

"Überall bleibt ein Fremdheitsgefühl", weiß Weyhe. In München fing sie ein Studium der Germanistik und Geschichte an, das sie in Hamburg abschloss. Jobs brachten sie über die Runden. Ihre Leidenschaft, das Zeichnen, musste ruhen. Erst mit 31 begann sie in der Hansestadt, wo sie mit ihrem Lebenspartner und zwei Kindern lebt, bei Anke Feuchtenberger an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften, Illustration zu studieren. Ihre Arbeiten holten gleich bei der ersten größeren Präsentation 2007 in Luzern den zweiten Preis. Mittlerweile leitet sie Workshops fürs Goethe-Institut, arbeitet als Hochschuldozentin, Illustratorin und Comicautorin. Der Max-und-Moritz-Preis freut sie "grenzenlos". "Madgermanes" überzeugt durch Dichte, Inhalt und assoziative Bildsprache, die afrikanische und europäische Elemente vereint. Schon das Konzept erhielt den hoch dotierten Comicbuchpreis der Berthold-Leibinger-Stiftung.

Am wichtigsten war Weyhe aber, dass echte Madgermanes ihrem Buch nach Vorstellungen in Mosambik und Deutschland "die Absolution erteilten": "Sie fanden sich darin wieder." Weyhes Figuren José, Basilio und Anabella erzählen rückblickend aus ihrem Leben. Neben kollektiven Erfahrungen fehlt am Ende jeder noch etwas anderes, das für sie Heimat ausmacht – Klänge, Pflanzen, fließend Wasser, Strom... "Die DDR hat mir nichts gebracht außer der Sehnsucht nach einem besseren Leben", meint Basilio, "Und trotzdem war es die beste Zeit meines Lebens."

Comic-Lesung: "Madgermanes", Alter Wiehrebahnhof, Urachstr. 40, Freiburg, Mittwoch,15. Juni, 20 Uhr.

Autor: Jürgen Schickinger