Krimis

Der tägliche Rassismus

Joachim Schneider

Von Joachim Schneider

Sa, 25. Februar 2017

Literatur & Vorträge

Kriminalromane von Paul Mendelson und Liza Cody

Selten spielt die Hautfarbe keine Rolle. Paul Mendelson schreibt über Südafrika, Liza Cody aus England.

Die Strasse ins Dunkel

Kriminalromane aus Südafrika sind dann interessant, wenn sie nicht nur ein düsteres Bild der Gesellschaft malen, das sicher seine Berechtigung hat, sondern in dem Wust von Vorurteilen, Ressentiments, Sexismus und Rassismus nach der Wahrheit suchen und vor allem – noch schwieriger – nach Gerechtigkeit. Der Brite Paul Mendelson konfrontiert in seinen Romanen um den Colonel Vaughn de Vries einen erfahrenen weißen Polizisten mit dem aktuellen Südafrika. Den bärbeißigen Haudegen interessiert nichts als Gerechtigkeit, dennoch schleppt er einen Wust an Vorurteilen mit sich herum. Ganz anders sein junger Assistent: Der schlaue studierte Don February interpretiert rassistische Denkmodelle als Geschichte. Als Team sind die beiden nicht unbedingt originell, aber in dieser differenzierten Konstellation sehr reizvoll und erhellend.

Im zweiten de-Vries-Roman "Die Straße ins Dunkel" wird der Colonel zum einen mit einem grauenvollen Ereignis in seiner Vergangenheit konfrontiert, bei dem er Zeuge war; zum anderen hat es seine Abteilung für besondere Fälle mit dem Mord an einer weißen Milliarden-Erbin zu tun, deren Vater sein Vermögen mit Hilfe des Apartheidregimes gemacht hat. Taryn Holt birgt vielerlei Rätsel. Als streitbare Kunstmäzenin sah sie sich mit militanten religiösen Eiferern konfrontiert, als selbstbestimmte Frau scherte sie sich weder um alte noch neue Konventionen und Schranken. Ein Fall, der kaum Anhaltspunkte bietet und bis in höchste revolutionäre Kreise reicht, während de Vries das nächste Opfer eines geheimnisvollen Killers sein könnte. Mendelson kann’s: Weder wirkt die Handlung überfrachtet, noch zückt er den moralischen Zeigefinger: eine aufwühlende Suche nach Wahrheit und Gerechtigkeit.

MIss Terry

Zurück nach Westeuropa, wo sich die Gerechtigkeit manchmal fast genauso schwer tut wie in Südafrika. Für "Miss Terry" hat Liza Cody den Deutschen Krimipreis bekommen. "Miss Terry" lässt sich als Mystery lesen: Mysterium und Krimi gleichermaßen. Dabei heißt die Protagonistin dieses modernen und deshalb nicht weniger gruseligen Märchens Nita Tehri und kommt aus Pakistan. Die engagierte Grundschullehrerin hat ihr Leben im Griff, obwohl sie vor einem gebieterischen Vater fliehen musste, gibt sich extrem angepasst und hat es bis zur Eigentumswohnung in einer englischen Stadt gebracht. Als ein toter dunkelhäutiger Säugling in einem Bauschuttcontainer gefunden wird, gehen die Ermittlungen schnell in Richtung der einzigen dunklen Frau in der Straße, die erst einmal überhaupt nicht versteht, wie ihr geschieht. Als Gesetzeshüter, Kollegen und manche Nachbarn in Feigheit zergehen und Ressentiments schüren, nimmt die Katastrophe ihren Lauf. Niemand schreibt so pointiert und schwarzhumorig aus dem Alltag wie Liza Cody. "Miss Terry" müsste auf die Bühne, das Motto ist altbekannt. Wie schnell eine Farce zur Tragödie werden kann.

Paul Mendelson: Die Straße ins Dunkel. Roman. Deutsch von Jürgen Bürger. Rowohlt Verlag, Reinbek 2017. 397 Seiten, 16,99 Euro.
Liza Cody: Miss Terry. Roman. Deutsch von Grundmann & Laudan. Argument Verlag, Hamburg 2016. 286 Seiten, 17 Euro.