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19. Juni 2017

Ehrentag

Ein Schriftsteller im Untergrund: Salman Rushdie wird 70

Auch diesmal wird er wieder hoffen

  1. Salman Rushdie Foto: dpa

Am Valentinstag 1989 hört Salman Rushdie, dass der iranische Revolutionsführer Ajatollah Khomeini ein Todesurteil gegen ihn verhängt habe. Der Schriftsteller hatte sich über ihn in den angeblich gotteslästerlichen "Satanischen Versen" lustig gemacht. Die indische Regierung verbot den Roman neun Tage nach Erscheinen. Doch keiner seiner britischen Schriftstellerfreunde nimmt die Drohung ernst, und Paul Theroux zieht ihn bei einem Gedenkgottesdienst sogar auf: "Nächste Woche kommen wir wieder her für dich!"

Aber Khomeinis "Fatwas" sind keine leeren Drohungen. Rushdie taucht mit seiner Familie ab. Das nächste Jahrzehnt verbringt er unter Polizeischutz: Sobald wieder ein versuchter Anschlag gegen ihn aufgedeckt wird, wechselt er sein Versteck. Auf mehrere Buchläden werden Brandbomben geworfen, ein Attentäter kommt um, als er seine Bombe im Hotelzimmer scharf macht.

Rushdie ist am Boden zerstört. Er bekräftigt Weihnachten 1990 seinen muslimischen Glauben und distanziert sich vom eigenen Buch. Doch das hilft nichts: In den folgenden Jahren werden mehrere Übersetzer und Verleger seines Buchs in Italien, Japan, Norwegen und der Türkei verletzt oder umgebracht.

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Den Geburtstag hat er vorgefeiert

Heute kommt er ohne Leibwächter aus, obwohl 2016 das Kopfgeld umgerechnet auf dreieinhalb Millionen Euro aufgestockt wurde. Seinen Geburtstag hat Rushdie bei einem Abendessen mit Literaten vorgefeiert, darunter Ian McEwan, Antonia Fraser und Fernsehköchin Nigella Lawson. Heute wird er 70.

Geboren im indischen Mumbai, schickte ihn sein Vater, ein muslimischer Geschäftsmann, auf ein englisches Elite-Internat. Rushdie studierte in Cambridge, lebte von seiner Arbeit als Werbetexter und erfand das Wort "irresistibubble" für Luftschokolade. Der Durchbruch kam 1981 mit seinem Roman "Mitternachtskinder". Für die Geschichte über eine Familie während der Unabhängigkeitswirren auf dem indischen Subkontinent erhielt er den Booker-Preis.

1988 dann die "Satanischen Verse", ein komplexer und ironischer Roman, in dem sich Rushdie mit Predigern anlegt: "Ein mächtiger Stamm der Kleriker hat den Islam übernommen, das ist die zeitgenössische Gedankenpolizei", schreibt er kurz vor der "Fatwa" im Guardian. Da ist er schon geschieden und Vater eines Sohnes. Seine zweite Frau, die Schriftstellerin Marianne Wiggins, taucht mit ihm unter. Auch diese Ehe hält nur wenige Jahre.

Unter Polizeischutz schreibt Rushdie Werke wie "Des Mauren letzter Seufzer" (1995). In seiner Autobiografie "Joseph Anton" – seinem Tarnnamen – setzt er sich mutig mit seinem Leben als globaler Flüchtling auseinander, mit der frühen Eifersucht auf erfolgreichere Schriftsteller, mit seinen Beziehungen. Kritiker preisen seine schonungslose Offenheit.

Als das Buch 2012 herauskommt, lebt er in Manhattan, hat bereits die vierte Ehe hinter sich und genießt die Aufmerksamkeit auf dem roten Teppich, mit eulenhaftem Blick und meist einer jungen Schönheit an der Seite. Rückblickend sagte er damals der BBC über die "Satanischen Verse": "Ich bin sehr stolz auf dieses Buch ... ich denke, es ist vielleicht eines der besten Bücher, die ich je geschrieben habe."

Derzeit engagiert er sich für ein weltweite Kampagne des Schriftstellerverbandes PEN zur Unterstützung von vertriebenen Schriftstellern. "Eine öffentliche Stellungnahme gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit", bezeichnete Rushdie die Aktion, die von Ai Weiwei, Margaret Atwood und Isabel Allende unterstützt wird.

Im September kommt sein Roman "Das goldene Haus" heraus, die Geschichte eines amerikanischen Filmemachers, angefangen mit der Amtseinführung von Barack Obama bis zur Wahl Trumps. Zwar hat die Queen den Champion der Meinungsfreiheit zum Ritter geschlagen, und er hat unzählige Preise eingeheimst, doch einer fehlt noch: der Nobelpreis. Auch in diesem Jahr wird Rushdie wieder hoffen. "Ich denke, man kann nur in einer freien Gesellschaft leben", sagte er einmal der BBC, "wenn man das Gefühl hat, man darf Dinge aussprechen."

Autor: Uli Hesse (dpa)