Ein Sommernachtsalbtraum

Bettina Schulte

Von Bettina Schulte

Mo, 08. Januar 2018

Literatur & Vorträge

Die polnische Regisseurin Ewelina Marciniak legt in Freiburg eine entschiedene Inszenierung von Shakespeares Komödie vor.

Was hat die berühmte Venus von Botticelli – jene rotblonde Schönheit, deren langes Haar sich schlangengleich um ihren nackten Körper windet – ; was hat die aus einer Muschel Geborene mit William Shakespeares Komödie "Ein Sommernachtstraum" zu tun? Sehr viel, behauptet die polnische Regisseurin Ewelina Marciniak. Ihre Inszenierung im Großen Haus des Freiburger Theaters zitiert das ikonographische Gemälde der Renaissance, indem sie die Muschel, in der die Inkarnation der Schönheit den Sterblichen erscheint, in doppelter Ausführung nachbilden ließ. Anstelle des Waldes, in den bei Shakespeare die Liebenden Hermia und Lysander vor der Hofgesellschaft von Athen flüchten, schweben die beiden mythischen Gefäße der Sinnlichkeit über die geflutete Bühne. Üppig ausgestattet mit Decken und Kissen, bieten sie den von den rigiden feudalen Moralgesetzen Verfolgten ein erotisches Refugium.

Dass sich hinter der Moral immer die Macht verbirgt: Dies arbeitet Marciniaks hochambitionierte Inszenierung messerscharf heraus. Theseus, der Herrscher, von Henry Meyer mit perfider Dämonie großartig gespielt, ein Mann, der seine absolute Autorität mit gefährlich leiser Selbstbeherrschung ausspielt, schlängelt sich unter Hermias jugendlichem Schoß hindurch – auf detektivischer Suche nach Hinweisen auf seine Fruchtbarkeit: eine grandiose Szene, in der sexuelles Begehren mit der Demonstration von Macht verschmilzt (die #MeToo-Debatte ist hier zum Greifen nah).

Im Bund mit dem staatlichen ist das familiäre Patriarchat: Hermias Vater Egeus, bei Michael Schmitter ein leicht vertrottelt wirkender und deshalb besonders mustergültiger Untertan, leitet aus der Genealogie ("sie ist Fleisch von meinem Fleisch") die absolute Verfügungsgewalt über seine Tochter ab: Sie soll den Demetrius heiraten, den sie nicht liebt. So werden in patriarchalen Gesellschaften noch heute (Zwangs-)Ehen gestiftet.

Lustig ist das eher weniger. Und man könnte fragen, ob die 1984 geborene Polin Shakespeares federleichte Verwechslungskomödie mit harten Szenen wie dieser nicht zerstört. Nun ist es aber so, dass Ewelina Marciniak den Text des Dramas zwar nicht überschreibt – wie es an Theatern wie Basel bei Klassikern inzwischen fast Standard ist – , ihn aber wie sagen wir Frank Castorf als "Partitur" nutzt. Das heißt: ihn mit anderen Texten – in diesem Fall mit künstlerischen Manifesten der Moderne – anreichert und im Dienst einer übergreifenden Inszenierungsidee kurzschließt. Marciniak interessiert am Sommernachtstraum weniger die erotische Verwirrung als das Ausloten eines Feldes, das von den Polen Macht und Schönheit bestimmt wird. Athen ist in das kalte weiße Licht der Ordnung getaucht, der "Wald" schimmert in warmen Goldtönen (für die außergewöhnliche Ausstattung zeichnet Katarzyna Borkowska verantwortlich). In Athen stehen die Figuren wie ausgeschnitten nebeneinander. Im Reich der Venus bilden sie am Ende einen großen kollektiven nackten Körper, geschart um einen Riesenfellphallus namens Klaus Zettel, der verdammt an das Fellmonster erinnert, das in Marion Ades Film "Toni Erdmann" in eine unfreiwillige Nacktparty hineinplatzt: Hinter der wahnsinnigen Maskerade steckt der Vater, der seine Tochter am Ende schützend umarmt – so wie das in Freiburg der wunderbare Lukas Hupfeld im Zottelpelz mit seiner Venus-Titania (Janna Horstmann) macht.

Für die Zuschauer in den ersten Rehen des ausverkauften Großen Hauses dürfte das lockere Treiben direkt vor ihren Augen nicht ohne Irritation geblieben sein: Mischen sich die nackten Schauspieler doch zwanglos unter sie ("Heidi, das ist Hermia"; "Lysiander – Hugo"). Aber auch im ersten Rang blieben bei der Premiere Reaktionen nicht aus: So einen Sommernachtstraum habe sie noch nie gesehen, rief eine Zuschauerin mehr belustigt als entsetzt aus.

Solche Reaktionen sind von der Regie durchaus erwünscht. Nach der Pause steht Theseus mit seiner ihm nach der von ihm selbst eingefädelten Eskapade mit Zettel auf immer gehorsamen Braut Titania ("Geh’ duschen!" hat er sie eben noch angeherrscht) mitten im Saal und schaut gemeinsam mit den Freiburger Zuschauern das von Anja Schweitzers souveränem Puck geleitete Spiel im Spiel an. Die Handwerker, von denen bei Marciniak nur der grobe Overall übrig geblieben ist, in dem Michael Schmitter ("lalelu") den Mond mimt, geben zu Ehren der fürstlichen Hochzeit die Tragödie von Priamos und Thisbe zum Besten.

Auch wenn die Improvisationslust des insgesamt großartig agierenden Ensembles zu tollen komischen Einfällen geführt hat, der Lennon-Song "Mother" inklusive, lässt die Regie gerade hier ihre Leitfrage nach dem Verhältnis von Kunst und Politik nicht außer Acht. Welche Kunst ist es, die dem totalitären Herrscher gefällt? Eine einfache, aus der Hefe des Volkes stammende natürlich. Und welche Kunst ist demgegenüber die echte, die ihren Namen verdient? Diejenige, die "nur" wahrhaftig sein will, oder diejenige, die nach nichts Geringerem als der Wahrheit strebt? Und was ist Wahrheit?

Dass Kunst, wie Ewelina Marciniak sie versteht, auf jeden Fall mehr ist als pure Unterhaltung: Das stellt ihre intelligente, vielschichtige, anspruchsvolle Inszenierung beeindruckend unter Beweis. Und dass dabei die Sinnlichkeit nicht zu kurz kommt, liegt nicht allein an einem Bühnenbild, wie man es bei Schauspielinszenierungen im Großen Haus sehr lange nicht gesehen hat – das Lob des Intendanten bei der Premierenfeier vor allem anderen für die Werkstätten spricht für sich. Es liegt zu nicht geringem Teil auch an Janek Duszynskis inspirierter Musik (live umgesetzt von Timo Stegmüller). Sie webt einen dichten atmosphärischen Klangteppich um das Bühnengeschehen, das vor allem für eine Figur im Desaster endet: Rosa Thormeyers Hermia erlebt die durch Pucks Herrschaftsdienste angezettelte sexuelle Entgrenzung als ein einziges Desaster: einen Sommernachtsalbtraum. Und nichts wird wieder gut.

Mit dieser konsequenten Inszenierung erlebt die noch junge Ära Carp im Schauspiel ihren ersten glanzvollen Höhepunkt.

Weitere Termine: 12. und 26. Januar,

1., 8., 23. Februar. Tel. 0761/201 2853.