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12. November 2016

"Weltschatten"

Nir Barams Roman ruft zu Widerstand gegen Finanzwelt auf

Nir Barams Antiglobalisierungsroman "Weltschatten" ruft zum Widerstand gegen die Finanzwelt auf /.

  1. Die globalisierte Welt zieht sich in Megacities zusammen: Bangkok im Abendlicht Foto: timur arbaev

  2. Nir Baram Foto: verlag

Wir haben", heißt es in der Rückschau des Epilogs mit einem Understatement, das fast schon Beschönigung ist, "ein paar Brände auf der Welt gelegt, die man im Augenblick vielleicht nicht mehr sieht, die aber noch glimmen. … Die Kräfte, die das Feuer neu anfachen werden, formieren sich gerade, im Grunde sind sie schon in Stellung. Wir waren nur die zufälligen Laufburschen des Unvermeidlichen, heißt es." Das Unvermeidliche, von dem hier die Rede ist, war ein für den 11.11. – das zugehörige Jahr wird nie genannt – ausgerufener Streik, der weltweit eine Milliarde Streikende zu Protest und Revolte mobilisieren sollte. Die Auswüchse eines entfesselten Casino-Kapitalismus im Zeitalter der Globalisierung und die Kampfformen einer international agierenden Widerstandsbewegung gegen die "Kapitalbarone und ihre Agenten" – das ist das beherrschende Thema in Nir Barams grandiosem Roman "Weltschatten".

Der Autor, 1976 als Sohn einer für die israelische Politik bedeutenden Familie in Jerusalem geboren, hat mit "Weltschatten" – die hebräische Originalausgabe erschien 2013 in Tel Aviv – nicht nur ein Meisterwerk literarischer Montage geschaffen, sondern auch einen zutiefst verstörenden, hochpolitischen Roman, der freilich an keiner Stelle zum bloßen Thesenroman verkommt, nie auf das Format eines wohlfeilen Pamphlets schrumpft. Dies schon deshalb nicht, weil die hier agierenden Protagonisten charakterliche Tiefe und unverwechselbares persönliches Profil entwickeln, weil der Autor seine Figuren in ihrer und durch ihre Sprache erstehen lässt, nicht zuletzt in jenen Passagen, in denen Sprache und Jargon die Sprechenden überführt und entlarvt.

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Ein elitärer

Herrenclub

Es sind drei raffiniert verschränkte, mit Rückblenden und Voraus-Verweisen aufeinander bezogene thematische Komplexe oder auch Handlungsstränge, die die innere Architektur dieses Romans bestimmen. Erstens: Der New Yorker Investor Michael Brookman, Chefstratege des milliardenschweren Hedgefonds Brookman, Stanston & Barnes, hat Mitte der 1980-er Jahre – "Bring ein bisschen Geld unter die Leute, such nach hehren Zielen" lautet die Devise – den jungen Gavriel Manzur damit beauftragt, in Israel eine "Jüdische Stiftung für Demokratie" ins Leben zu rufen und einflussreiche Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und Kultur für eine Mitgliedschaft im Stiftungsbeirat zu gewinnen. Diese vermeintlich gemeinnützige Stiftung wird freilich nur mit dem Ziel aufgebaut, für amerikanische Investoren den israelischen Markt zu sondieren und umgekehrt vermögende Anleger aus Israel und dem Nahen Osten in die Fänge von Brookmans Hedgefonds zu lotsen.

Zweitens: Von ihrem Hauptsitz in Washington D.C. aus koordiniert die weltweit tätige Politikberatungsagentur MSV ihre Aktivitäten; in der wichtigtuerisch dröhnenden Plastiksprache des Marketingjargons wird das Portfolio von MSV so umschrieben: "MSV ist ein international tätiges Unternehmen, das weltweit fortschrittlichste Dienstleistungen im Bereich des politischen Consultings anbietet. … Unser Unternehmen ist spezialisiert auf Wahlkampagnen, Krisenmanagement und Medienberatung und bietet Beratungspakete an, die den exakten Anforderungen eines jeden Projekts entsprechen. Wir führen sämtliche Phasen der Analyse und Strategieentwicklung durch und bieten Ihnen Experten von internationalem Ruf zur Auswertung demoskopischer Erhebungen."

Das Geschäftsmodell von MSV basiert in der Realität allerdings auf anderen Aktivitäten, in denen es die routinierten Strippenzieher inzwischen zu unangefochtener Meisterschaft gebracht haben: das Erfinden und Streuen von Gerüchten, das Lancieren gezielter Indiskretionen bis hin zum Rufmord, das Manipulieren und Fälschen von Statistiken, das Falschinformieren der Medien, die gezielte Irreführung von Behörden und Öffentlichkeit. MSV ist nichts anderes als ein elitärer Herrenclub (eine einzige Frau agiert im Vorstand dieses Konsortiums) von Einflüsterern und Demagogen mit besten Kontakten zu Wirtschaft und Hochfinanz, eine Agentur des skrupellosen Lobbyismus, die es immerhin schafft, noch politische Nullen auf Präsidentensessel zu hieven.

Drittens: Unter der Führung des charismatischen Julian ("Er ist eine hochexplosive Persönlichkeit, in deren Umfeld sich alles wie von selbst zu entzünden scheint.") beginnt sich im Untergrund eine konspirative Widerstandsbewegung zu formieren, die zunächst in England Randale macht und Anschläge auf Kultureinrichtungen verübt, die bald international bestens vernetzt ist und mit der Parole "Weltweiter Streik, eine Milliarde Streikende" für den ominösen 11.11. zur großen Attacke auf das verhasste System aufruft. "Die Zeit ist gekommen", so Julians Credo, "die Globalisierung gegen jene zu wenden, die glauben, sie seien ihre Dompteure". Im Bewusstsein, dass "Leute wie wir sämtliche Risiken des Kapitalismus tragen, ohne jemals wirklich an den Gewinnen beteiligt zu werden", ruft die Bewegung zu einer Aktion "Persönliche Verantwortung" auf, bei der führende Wirtschaftsbosse, Banker und Vorstandsvorsitzende gezwungen werden, vor laufender Kamera ihre skandalösen Geschäftspraktiken zu beichten. "Persönliche Verantwortung" pocht darauf, dass die Täter Namen und Adresse haben, dass Verantwortung im Sinne des Verursacherprinzips also einklagbar ist, statt gleichsam in die Funktionale zu rutschen und sich damit in der Anonymität globaler Märkte aufzulösen.

Im Zeitalter von Lehman Brothers, Bankenkrise, Staatspleiten, "Rettungsschirmen" und Panama Papers liest sich "Weltschatten" als ein Roman von apokalyptischen Dimensionen. Als Brookmans Hedgefonds pleitezugehen droht, werden flugs die Stiftungsgelder aus Israel geplündert; als sich herausstellt, dass der kongolesische Minen-Unternehmer Lubanga Anteile an MSV hält, die eigene Firma zu einer Kampagne zur Vorbereitung der ersten freien Wahlen in der Demokratischen Republik Kongo nutzt und dass MSV tief in illegale, freilich lukrative Waffengeschäfte im Kongo verwickelt ist, fliegt den "Campaignern" von MSV der Laden um die Ohren; als die Streikbewegung für den 11.11. auf dem Trafalgar Square und im Banken- und Geschäftszentrum der City of London vom Protest in ein blutrünstiges Inferno umschlägt, droht sich die Bewegung endgültig zu diskreditieren: "nicht von ungefähr herrsche die Auffassung, ein bisschen Tod habe noch die Räder jeder Revolution geschmiert".

Die Welt ist ein Geschäft – selten ist der Terror der Ökonomie, der sich immer mehr in alle Bereiche des Alltags und des Lebens frisst, so schonungslos analysiert, so präzise gezeigt, aber eben auch in kühnen Bildern und grellen Panoramen so poetisch beschworen worden wie in diesem Roman.

Im Zeitalter der Globalisierung haben Politiker wie Unternehmer alten Stils ausgedient, ein neuer Typ von Entscheidern hat die Arena von Politik und Wirtschaft erobert: Dort agieren inzwischen Netzwerker, Egoshooter, Alphamännchen, Medien- und Werbeprofis, Finanzjongleure, Spekulanten, Börsengurus und vor allem: Spieler.

Die Welt ist

ein Geschäft

"Weltschatten" – und eben das macht die Lektüre dieses einzigartigen Romans zu einer verstörenden Erfahrung – spricht dieser Spezies des Spielers ein vernichtendes Urteil: "Ihr habt euch eine Welt erschaffen, die ein Erwachsenwerden und eine damit einhergehende Verantwortung zu leugnen scheint, und es ist beängstigend zu sehen, dass all die historischen Ereignisse, an denen ihr beteiligt gewesen seid, euch nicht im Geringsten berühren. Ihr schöpft bloß aus eurer kindlichen Welt, dort dreht sich alles um listige Streiche, um Episoden aus Jugendserien". Und so ist es am Ende wohl mehr als ein Schatten, der auf die Welt fällt.

Nir Baram: Weltschatten. Roman. Aus dem Hebräischen von Markus Lemke. Carl Hanser Verlag, München 2016. 512 Seiten, 26 Euro.

Autor: Hartmut Buchholz