Ascona

Literaturfestival „Eventi Letterari Monte Verità“ zu Utopie und Liebe

Katrin Hillgruber

Von Katrin Hillgruber

Mi, 20. April 2016

Literatur & Vorträge

Die vierte Ausgabe des Literaturfestivals "Eventi Letterari Monte Verità" in Ascona widmet sich dem weiten Feld von "Utopie und Liebe".

Mark Twain zufolge haben Nackte nur wenig bis gar keinen Einfluss auf die Gesellschaft. Obwohl das Literaturfestival "Eventi Letterari Monte Verità" von März auf April verlegt wurde, verhinderte Dauerregen eine Überprüfung von Twains Behauptung. Fast so rosa wie die frisch erblühten Magnolien leuchtet die Villa Semiramis durch die ausgedehnte Parkanlage des "Bergs der Wahrheit". Dessen Manager und Lordsiegel-Bewahrer aller Geheimnisse der wechselnden Formationen von Lebensreformern, die nach Ascona kamen, ist Lorenzo Sonognini. 1909, erzählt der sympathische Tessiner, habe die Besitzerin des Hotels Semiramis Billets an Schaulustige verkauft, die vom Dach aus die Nudisten beobachten wollten. "Abbasso il turismo intellettuale!", "Nieder mit dem Intellektuellen-Tourismus!", fordert der achtzigjährige Fluxus-Veteran Ben Gautier in runder weißer Schrift auf Schiefertafeln im sogenannten Russenhaus. Der winzige Holzpavillon beherbergte vor allem Landsleute des Anarchisten Michail Bakunin, der ab 1969 an den lieblichen Gestaden des Lago Maggiore die herrschaftslose Gesellschaft verwirklichen wollte. Die kleine Schau bildet einen Ableger der Jubiläums-Ausstellung "Marcel Duchamp. Dada und Neo-Dada", die bis Ende Juni in Ascona zu sehen ist.

Als künstlerischer Leiter der Eventi Letterari besteht Joachim Sartorius auf dem Begriff "Utopie" im Titel: "Das Konzept der freien Liebe spielte vor hundert Jahren hier eine riesige Rolle und wurde heftig diskutiert. Und natürlich habe ich gehofft, sage ich jetzt errötend, dass man mit so einem Konzept noch einmal sehr viel mehr Publikum anlocken kann."

16 000 Besucher waren es am Schluss. Erstmals zog das Festival vom immer noch etwas elitären Berg, dessen magnetische Strahlung verbürgt ist, mit einem Teil der Lesungen hinunter in ein Zelt am Lido. Dessen Planen reflektierten den sanften Wellengang des Sees, als Stargast Ian McEwan über den Schiffbruch sprach, den Utopien und Liebesentwürfe so leicht erleiden können – vor allem die ganz großen. Der Atheist McEwan wandte sich gegen jede Form von Utopie, die über die persönliche hinausgeht, vor allem gegen die religiöse eines Lebens nach dem Tode. Ein "Hamlet"-Zitat eröffnet seinen neuen Roman "Nutshell" ("Nussschale"), der im Uterus der Mutter des Erzähler-Ichs einsetzt und einen kulturpessimistischen Furor sondergleichen verspricht. McEwan las exklusiv das erste Kapitel daraus, verbat sich aber jedes Zitat bis zum Erscheinen des Buchs im Herbst. Elektrisierende Entdeckungen ließen sich bei den romanischen Autoren machen, angefangen mit dem rumänischen Homme de Lettres Varujan Vosganian, der eine wahre Liebesepisode aus seinem Armenien-Epos "Das Buch des Flüsterns" vortrug. Dringend ins Deutsche übersetzt werden sollte der Roman "Le chat de Schrödinger" des französischen Schriftstellers und Literaturtheoretikers Philippe Forest. Ausgehend von Schrödingers Paradoxon der Quantenphysik entwirft Forest eine Erzählung, die fesselnd zwischen Illusion und Wirklichkeit mäandert: Ein Mann, der das Haus seiner Träume sucht, entpuppt sich als dessen heimsuchender Geist.

"Um Himmels willen, was soll ich mit diesen Hörnern machen?", fragte die Mailänder Dichterin Patrizia Valduga in gespielter Hilflosigkeit ihren Moderator Paolo Di Stefano, als sie mit schwarzem Riesenhut, entsprechenden langen Handschuhen und im Minirock vor zwei Mikrophonen stand. Valduga gilt seit ihrem Debüt "Medicamenta" von 1982 in ihrem Heimatland als Meisterin der Metrik. Strenge Reimformen begreift sie als Gefängnis, das ihr die größtmögliche dichterische Freiheit ermöglicht. Ihre Liebeslyrik, unter anderem von Christoph Wilhelm Aigner ins Deutsche übersetzt, trug sie mit einem für deutsche Ohren ungewohnten Tremolo vor, das Tränen, wenn nicht gar Ohnmachtsanfälle befürchten ließ. "Applaudieren Sie bloß nicht!", beschwor di Stefano das Publikum.

Ganz anders dagegen der klare Ton von Michela Murgia, hierzulande durch ihren Roman "Accabadora" bekannt geworden: In der Mundart ihrer Heimat Sardinien gebe es kein Wort für Liebe als Abstraktum. Zu reinem Keuchen, mehr aus Anstrengung denn aus Lust, gerann das vielbedichtete Gefühl in der Performance "Les petites morts" von Angela Schubot und Jared Gradinger. Entsprechend der bedeutenden Tanz-Tradition des Monte Verità hatte Joachim Sartorius das Berliner Duo in das hinreißende Bauhaus-Kleinod Teatro San Materno eingeladen.

Die Autoerotik des gelingenden Satzes

Gepflegte deutschschweizerische Langeweile entfaltete sich dagegen bei einer Diskussion über die Selbstliebe mit Sibylle Berg und Peter von Matt. "Billy, wie hältst du’s mit der Eigenliebe?" fragte der einstige NZZ-Feuilletonchef Martin Meyer die Wahl-Zürcherin Berg – Antwort: "Ich habe mich für mich selbst immer am wenigsten interessiert." Immerhin konnte man sich auf die "Autoerotik des gelingenden Satzes" beim Schreiben einigen. Das allerschönste, ja ergreifende Beispiel für gelungene Sätze lieferte des Nachts auf dem nebelverhangenen Monte Verità Lukas Bärfuss, demzufolge das männliche Geschlecht im Berner Oberland "Familienglück" genannt wird. Seinen Vortrag "Liebe als Tonikum und als Gift" hatte Bärfuss wie ein Triptychon aufgebaut, in die Zustände davor, während und danach, wie sie ja auch der Liebe zu eigen sind.