Lesung in Freiburg

Rafik Schami ist ein Stimme gegen die syrische Despotie

Dierk Knechtel

Von Dierk Knechtel

Di, 17. Oktober 2017 um 00:01 Uhr

Literatur & Vorträge

"Ich wollte nur Geschichten erzählen": So lautet der Titel des neuen Buches von Rafik Schami. Aber er durfte nicht. Kein arabischer Verlag wollte ihn veröffentlichen.

Das geschlossene Schweigen der Medien ist der Tod des Schriftstellers. 1970 verließ Rafik Schami seine syrische Heimatstadt Damaskus. Durch die Flucht nach Deutschland wahrte der damals 26-jährige talentierte Aramäer zunächst seine Möglichkeiten. Erst der Gang ins sprachliche Exil war die Geburt des Autors. Sonst wäre er Chemiker geblieben.

"Warum schreiben Sie auf Deutsch?", wurde er später gefragt. "Weil die Deutschen kein Arabisch können", war seine Antwort. Erste Schreibversuche gerieten unbeholfen, ohne Tiefe und Nuancen. Eine Fremdsprache musste auf literarischem Niveau erworben und nicht nur aufs Papier, auch auf die Zunge gebracht werden. Denn Schami entschied sich, seine Texte auch in freier Rede vorzutragen.
Wie er das bewerkstelligt hat, ist nicht nur für Digital Natives aufschlussreich.

Im vordigitalen Zeitalter galt der simple Satz: In den Büchern steht es richtig geschrieben. Wer viel las, für den bildeten sich Rechtschreibung, Wortschatz und Stil von allein heraus. Der damalige Student der Chemie las nicht nur einige der besten deutschen Autoren, sondern schrieb sie Satz für Satz ab. Nach und nach wurde ihm das Deutsche zur Heimat. 1982 konnte er seinen gutdotierten Job in einem Pharmaunternehmen quittieren. Als Bühnendarsteller seiner Geschichten positionierte er sich als Rarität im Literaturbetrieb. Das trieb die Auflagen nach oben.

In den 35 Jahren seine Karriere hat der heute 71-jährige Romancier diverse Genres bedient. Der rote Faden seines Werks wird auch im vorliegenden Buch weitergesponnen: Es ist seine Stimme gegen die syrische Despotie. In Freiheit schreiben zu dürfen und sich nicht gegen das Regime zu wenden, das ein ganzes Volk versklavt, wäre Verrat gewesen. Aber es ist ein Unterschied, ob man gewisse Äußerungen seinen Figuren in den Mund legt oder, wie hier, sie selbst ausspricht. Auch wenn der Autor dies in Abrede stellt: "Ich schreibe keine Autobiographie. Alle Autobiographien sind gelogen."

Schamis Kritik der arabischen Verhältnisse bildet die besten Passagen des Buches. Nicht nur, weil sie schonungslos ausfällt und für den "Damaszener Freund" (das bedeutet sein Pseudonym) nicht ganz risikolos sein dürfte: "Alle diese Länder [können] nicht einmal selbständig eine Schraube geschweige denn einen Chip herstellen." Sondern auch, weil Schami Ursachen für die Misere anführt und damit dem Leser bei aller Empörung ein Verstehen möglich macht. Die Herrschaftsform der Sippe, die aus den Lebensbedingungen der Wüste entstand, deformierte und entkräftete die Gesellschaft. Die machthabende Sippe steht über dem Staat, der in diesen Ländern allein der Durchsetzung und Tarnung ihrer Interessen dient. Der Arm des Assad-Clans, bestehend aus 15 Geheimdiensten, reichte bis hinunter in die eigene Sippe. Suheil Fadél, der sich damals noch nicht Rafik Schami nannte, befreite sich von "35 Onkeln und Tanten".

Autoren wie Rafik Schami lüften den Schleier aus orientalischem Gepränge und geben den Blick frei auf eine beschämende, verstörende Realität. Sie schreiben gegen das Nichtwissen im Ausland. Der gefesselten Bevölkerung verschaffen sie ein Forum, das sich, so klein es auch sein mag, inzwischen auch in den arabischen Sprachraum öffnet. Schamis Bücher erscheinen seit ein paar Jahren in arabischer Übersetzung im Al-Kamel-Verlag in Beirut. Es ist eine Art von Rückkehr in die Heimat, die der Autor seit seinem Aufbruch nie wieder betreten hat.

Rafik Schami: Ich wollte nur Geschichten erzählen. Mosaik der Fremde. Verlag Hans Schiler und Edition Hirnkost, Tübingen /Berlin 2017. 176 Seiten, 18 Euro. Lesung: Schami liest am 19. Oktober, 19 Uhr im Bürgerhaus Zähringen in Freiburg aus seinem Jugendbuch "Sami und der Wunsch nach Freiheit".