Rosa Kaninchen und andere Tiere

Bettina Schulte

Von Bettina Schulte

Sa, 15. September 2018

Literatur & Vorträge

Die Erinnerungen der Illustratorin und Autorin Judith Kerr.

Diesen Titel kennt jeder: "Als Hitler das rosa Kaninchen stahl". Es ist das erfolgreichste Buch der nach England emigrierten Autorin und Künstlerin Judith Kerr, Tochter des berühmten Berliner Theaterkritikers Alfred Kerr. Sie wurde 1923 geboren, ihre jüdische Familie floh vor den Nationalsozialisten. "Geschöpfe" – "Creatures" hat Judith Kerr ihre 2013 in England erschienenen Erinnerungen genannt – und sie meint damit nicht nur die Geschöpfe, die sie als Künstlerin geschaffen hat, sondern auch ihre Familie: die Eltern, ihre Kinder, ihren Ehemann, den Drehbuchautor Nigel Kneale, mit dem sie eine ausgesprochen glückliche Beziehung geführt hat. Ein wunderschönes Foto in dem herrlichen Bildband, den die Edition Memoria den Memoiren von Judith Kerr gewidmet hat, zeigt die beiden beseelt auf einer Bank.

Liebe zur Schöpfung: Man kann Kerrs Haltung zum Leben nicht anders bezeichnen. Schon früh beginnt das Kind zu zeichnen und wird nicht mehr aufhören damit. Die abgebildeten Kinderzeichnungen zeugen von enormem Talent. In der Perspektive des Kindes verwandeln sich die Repressionen der Nationalsozialistin, die Flucht und das Exil der Familie in ein "großes Abenteuer". Mit 16 konnte Judith Kerr in London Fuß fassen, ließ sich zur Künstlerin ausbilden. Der Band enthält eine Serie von Bleistiftskizzen, die zum Übungsplatz für ihr erstes wunderbares Kinderbuch wurden: "The Tiger Who Came to Tea" kam 1968 heraus. Damit hatte die Mutter von zwei Kindern ihre Bestimmung gefunden. Es folgten über viele Jahre Geschichten mit der Familienkatze Mog, einem sehr eigenwilligen Tier, das der unerschöpfliche Quell für die Einfälle der Autorin und Illustratorin gewesen ist.

1972 erschien zunächst noch ein Roman, in dem Judith Kerr ihre eigene Kindheit verarbeitete. Den Titel hatte sich ihr Mann ausgedacht, erzählt Kerr in ihrem klaren, warmherzigen Sprachduktus. "Heute denkt jeder, das ist ein fantastischer Titel, aber damals mochte ihn niemand." Mit Verzögerung erschien das Buch in Deutschland und erhielt 1974 den Deutschen Jugendliteraturpreis. "Das änderte alles", schreibt Kerr. Dieses großartige Erinnerungsbuch zeugt nicht zuletzt davon, wie ein Leben auch vor der dunklen Folie der Nationalsozialismus gelingen kann. Wie schön, dass sich Thomas B. Schumann des reichen Lebens von Judith Kerr angenommen hat.

Judith Kerr: Geschöpfe. Leben und Werk. Aus dem Englischen von Ute Wegmann. Edition Memoria, Hürth 2018. 176 Seiten, zahlreiche Abbildungen, 36 Euro.