Verstehen heißt Antworten

Bettina Schulte

Von Bettina Schulte

Di, 04. April 2017

Literatur & Vorträge

Huchel-Preis an die Lyrikerin Orsolya Kalász vergeben.

Da flossen Tränen. Als die zuständige Stuttgarter Staatssekretärin Petra Olschowski Montagmorgen im Staufener Stubenhaus der ungarisch-deutschen Lyrikerin Orsolya Kalász die Preisurkunde überreichte, verlor die Dichterin und Übersetzerin kurz die Fassung. Freude und Dankbarkeit übermannten sie noch einmal, als sie sich bei den Menschen bedankte, die Anteil haben an der Ehre, eine Auszeichnung im Namen des in Staufen gestorbenen großen Lyrikers Peter Huchel entgegenzunehmen. Immer noch gilt der vom Land Baden-Württemberg und dem SWR gestiftete Preis in der deutschsprachigen Lyrikszene als Ritterschlag.

Da ist es umso verständlicher, dass die 1964 in Ungarn geborene, im Alter von sechs Jahren für einige Zeit in die DDR übersiedelte Tochter des Schriftstellers Márton Kalász überwältigt war: Ist sie doch über Nacht von den Rändern ins Zentrum des Kulturbetriebs aufgestiegen – und mit ihr als Verleger der Lyriker und Huchel-Preisträger Ulf Stolterfoht, der ihren prämierten Band "Das Eine" in seiner kleinen, aber sehr feinen Lyrik-Edition "Brüterich Press" herausgebracht hat. Dass die Jury mit Kalász eine so überraschende wie überzeugende Wahl getroffen hat: Darin dürfte das Publikum der Matinee, die immer an Huchels Geburtstag, dem 3. April, stattfindet, mit dem siebenköpfigen Gremium schnell übereingestimmt haben. Orsolya Kalász’ Lyrik zieht mit ihrem leichten, spielerischen, zauberischen, sinnlichen Ton unmittelbar in Bann. Dass es in "Das Eine" nicht nur um eine poetologische Selbstbestimmung und um eine Neubelebung der Heraldik geht – im Nachgang zu Gertrud Kolmars altdeutscher Wappenkunde –, sondern auch um die Liebe: Darauf wies der Laudator Jan Volker Röhnert in seiner durchaus unterhaltsamen Laudatio hin. Röhnert, Literaturwissenschaftler an der Universität Braunschweig, legte sehr zu Recht den Fokus seiner Würdigung auf Orsolya Kalász’ Übersetzertätigkeit. Selbst in "Das Eine", ihrem ersten rein deutschen Band, schwinge das Ungarische als Begleitsprache mit, meinte Röhnert. Die Preisträgerin stellte ihre Dankesrede ganz in den Dienst der Lyrik Huchels und bekannte sich zur Verwandtschaft mit den Dingen und Vertrauen in die Wörter. Auch vom Nichtmenschlichen könne ein Anspruch an den Menschen ergehen. "Verstehen heißt Antworten": In diesem Satz des Schweizer Psychoanalytikers Aron Bodenheimer scheint in nuce das poetische Programm von Orsolya Kalász auf.