BZ-Interview

Lohnen sich Bausparverträge heute noch?

Bernd Kramer

Von Bernd Kramer

Mo, 12. November 2018 um 19:00 Uhr

Wirtschaft

Im BZ-Interview verteidigen Wolfgang Kaltenbach, Chef der Landesbausparkasse (LBS) Südwest, und sein designierter Nachfolger Stefan Siebert den Bausparvertrag gegen seine Kritiker.

Nach Ansicht von Wolfgang Kaltenbach und Stefan Siebert kommt dem Bausparen eine enorme volkswirtschaftliche Bedeutung zu. Es helfe, Immobilienkrisen zu vermeiden. Warum, erklären die beiden LBS-Führungskräfte im BZ-Interview.

BZ: Haben Sie Bausparverträge?
Kaltenbach: Meine Familie ist mit Bausparverträgen gut bestückt. Ich habe zwei. Der eine dient zur Zinssicherung, der andere ist ein Wohn-Riester-Vertrag. Auch meine Frau und meine Kinder haben Bausparverträge.
Siebert: Selbstverständlich. Vorbild war meine Schwiegermutter, die auch jenseits des 80sten Lebensjahres noch unbedingt einen Bausparvertrag haben wollte.

BZ: Warum ergibt es heute noch Sinn, Bausparverträge abzuschließen?
Kaltenbach: Der Bausparvertrag ist nach wie vor der beste Weg zum Wohneigentum. Und das eigene Haus, die eigene Wohnung, sind neben der gesetzlichen Rente die mit Abstand sichersten Formen der Altersversorgung. Wer in der eigenen Wohnung lebt, braucht keine Angst vor Mieterhöhungen zu haben. Für eine eigene Immobilie wird jedoch Eigenkapital benötigt. Der Bausparvertrag ist eine hervorragende Möglichkeit, um Eigenkapital zu bilden. Er hat deshalb auch eine bessere Form der staatlichen Förderung verdient. Ich plädiere zum Beispiel dafür, die Einkommensgrenzen für die staatliche Wohnungsbauprämie zu erhöhen. Sie sind seit Jahren trotz Inflation unverändert. Dies käme gerade Familien zugute, denen die Wohnungsnot besonders zu schaffen macht.

"Der Bausparvertrag ist die einzige Möglichkeit, in Zukunft mit der Gewissheit zu leben, dass ich weiter vom derzeit extrem günstigen Zinsniveau profitieren und dabei auch noch finanziell sehr flexibel sein kann." Stefan Siebert
Siebert: Welche andere Form der Zinssicherung über 30 Jahre hinaus zu vertretbaren Kosten und bei kleinen Summen kennen Sie denn? Der Bausparvertrag ist die einzige Möglichkeit, in Zukunft mit der Gewissheit zu leben, dass ich weiter vom derzeit extrem günstigen Zinsniveau profitieren und dabei auch noch finanziell sehr flexibel sein kann. Ein Bausparer kann seine Einzahlungen bei Problemen unterbrechen, ohne den Anspruch auf das zinsgünstige Darlehen deshalb zu verlieren. In der Finanzierungsphase kann der Immobilienbesitzer kostenfrei Sondertilgungen leisten, was die Finanzierungskosten deutlich senkt. Das Bausparen ist ein Privileg. In vielen anderen Ländern gibt es die Möglichkeit zum Bausparen überhaupt nicht.
BZ: Seit der Finanzkrise 2007 hat das Zinsniveau eigentlich nur eine Richtung gekannt. Es sank. Zumindest in der Eurozone deutet auch nichts darauf hin, dass die Zinsen gewaltig steigen werden.
Kaltenbach: Können Sie wirklich verlässlich sagen, dass die Zinsen nicht steigen werden? Wenn mir jemand vor zehn Jahren gesagt hätte, der Zins für einen Immobilienkredit würde einmal bei 1,5 Prozent liegen, hätte ich ihm nicht geglaubt. Keiner weiß, wie hoch der Zins in zehn Jahren sein wird. Fest steht nur: Dann werden viele Niedrigstzins-Bindungen bei Immobilienkrediten auslaufen. Selbst wenn dann der Zins für Baudarlehen nur bei vergleichsweise niedrigen drei Prozent steht, erleben viele eine böse Überraschung. Die Zinslast verdoppelt sich. Ob das Einkommen in solch einem Fall ausreicht, ist nicht sicher. Der Bausparvertrag ist eine Versicherung, um sich gegen solch ein Risiko zu wappnen.
Siebert: Nehmen Sie die USA. Dort sind die Zinsen mittlerweile kräftig gestiegen. Vor einem Jahr hat kaum jemand mit solch einer Entwicklung gerechnet.

"Der Bausparvertrag ist in erster Linie ein Finanzierungs- und kein Anlageinstrument, was in der gegenwärtigen Diskussion gerne übersehen wird." Wolfgang Kaltenbach
BZ: Bausparkassen stehen in der Kritik. Verträge, bei denen die Einlagen der Bausparer hoch verzinst wurden, wurden gekündigt. Es gab etliche Auseinandersetzungen vor Gericht, Verbraucherschützer waren erzürnt.
Kaltenbach: Der Bausparvertrag ist in erster Linie ein Finanzierungs- und kein Anlageinstrument, was in der gegenwärtigen Diskussion gerne übersehen wird. Wir haben viel getan, um uns an die Niedrigzinsphase anzupassen. Wir haben die Kosten gewaltig gesenkt und die Tarife verändert. Und wir waren leider zu Maßnahmen gezwungen, die wir früher nie aus der Schublade geholt haben – wie zum Beispiel Kündigungen von Verträgen, bei denen die Inanspruchnahme des Darlehens nicht mehr wahrscheinlich ist. Keiner konnte diese lange Niedrigzinsphase vorhersehen. Und kann ein Bausparvertrag unter solchen Umständen ein Vertrag sein, der quasi für die Ewigkeit gilt? Jene Verträge, die gekündigt wurden, liefen seit 20 Jahren oder noch länger. Als die Verträge geschlossen wurden, lagen ganz andere Voraussetzungen vor als heute.
Siebert: Wenn wir nicht so gehandelt hätten, hätten wir diejenigen Bausparer, die in Zukunft ein Darlehen bekommen wollen, benachteiligt. Eine kleine Gruppe hätte ohne die Kündigungen profitiert, die große Mehrheit der Bausparer hätte aber mit beträchtlichen Nachteilen zu rechnen gehabt. Dies vergisst die Politik und auch der Verbraucherschutz mitunter.
"Da kann es sein, dass die Zinserträge die Kosten nicht ganz decken. Ich sehe das als gerechtfertigte Prämie für die von uns garantierte Zinssicherheit." Wolfgang Kaltenbach
BZ: Verbraucherschützer kritisieren, dass der Sparzins bei Bausparverträgen nicht ausreicht, um Abschlussgebühren und Kosten abzudecken.
Kaltenbach: Wir tragen den unterschiedlichen Wünschen und Bedürfnissen der Kunden Rechnung. Es gibt verschiedene Tarife. Wer heute einen höheren Sparzins haben will, muss dafür später einen höheren Darlehenszins in Kauf nehmen. Wer möglichst niedrige Zinsen später zahlen will, bekommt heute weniger für das angelegte Geld. Da kann es sein, dass die Zinserträge die Kosten nicht ganz decken. Ich sehe das als gerechtfertigte Prämie für die von uns garantierte Zinssicherheit.

BZ: Bauspardarlehen müssen schnell getilgt werden. Überfordert das nicht manchen Bausparer?
Siebert: Eine gute Beratung sorgt dafür, dass es erst gar nicht zu solchen Überforderungen kommt. In der Regel ist das Bauspardarlehen ja ein Teil einer Baufinanzierung. Der Bausparvertrag ist eine Ergänzung. Zusammen mit dem Baudarlehen der Sparkasse oder Bank gibt es genügend Möglichkeiten, die Tilgung so auszutarieren, dass der Häuslebauer diese dauerhaft tragen kann. Zins und Tilgung stehen beim Bausparvertrag auch von vorneherein fest. Man wird nicht plötzlich mit einer völlig anderen Situation konfrontiert. Zudem ist die Überforderung ein Fall, der in der Praxis sehr, sehr, sehr selten ist. Die Ausfallquoten sind extrem gering.

"Man sollte nicht vergessen, dass die Bausparkassen auch eine wichtige volkswirtschaftliche Bedeutung haben. Sie helfen, Krisen am Immobilienmarkt zu vermeiden." Stefan Siebert
BZ: Sollte man das Sparen und die Kreditaufnahme nicht besser voneinander trennen? Angenommen, ich stecke kleine Beiträge regelmäßig für mehr als zehn Jahre in einen Aktienfonds. Da ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass ich eine vergleichsweise hohe Rendite erwirtschafte. Das Kapital stecke ich dann in die Wohnbaufinanzierung und vermindere so meinen Finanzierungsbedarf.
Kaltenbach: Sie können sich in diesem Fall nicht sicher sein, ob der für die Immobilienfinanzierung notwendige Betrag dann auch zur Verfügung steht. Aktienkurse können beträchtlich schwanken.
Siebert: Man sollte nicht vergessen, dass die Bausparkassen auch eine wichtige volkswirtschaftliche Bedeutung haben. Sie helfen, Krisen am Immobilienmarkt zu vermeiden. Werden Häuser oder Wohnungen zu einem großen Teil mit Eigenkapital und unter Zinssicherheit finanziert, haben Veränderungen am Finanzmarkt wie steigende Zinsen weniger schwerwiegende Folgen. In Deutschland hat es keine Immobilienkrise wie in den USA oder Spanien gegeben. Das ist unter anderem auch dem Bausparen geschuldet.
Kaltenbach: Der Bausparvertrag erzieht zum Sparen. Das mag altbacken klingen, ist aber enorm wichtig. In der Regel bekommt nur der einen Kredit, der auch etwas erspart hat. Mit dem Bausparvertrag erhält man den Anspruch auf einen Kredit, was nicht selbstverständlich ist – gerade bei kleinen Einkommen. Bausparkassen wie die LBS sind letztlich Selbsthilfeeinrichtungen.
"Und während die Südbadener mitunter auf Stuttgart herunterblicken, ist das bei den Stuttgartern ganz anders." Stefan Siebert
BZ: Sie sind beide Südbadener. Wie gefällt Ihnen als Südbadener das Leben im schwäbischen Stuttgart?
Siebert: Stuttgart hat den Ruf einer wenig lebensfrohen Stadt. Mein erster Sommer hier hat mir gezeigt, dass dieser Ruf trügt. Stuttgart ist wie Freiburg, lebendig, voller Kultur, nur ein bisschen größer. Und während die Südbadener mitunter auf Stuttgart herunterblicken, ist das bei den Stuttgartern ganz anders. Sie sprechen in der Regel voller Bewunderung von Freiburg und Südbaden.
Kaltenbach: Als ich vor elf Jahren in meinem Bekanntenkreis davon sprach, dass ich nach Stuttgart gehen werde, wussten manche meiner Freunde nicht, ob sie mir gratulieren oder kondolieren sollten (lächelt). Ich kann heute sagen, dass ich den Schritt in die Landeshauptstadt nicht bereut habe. Stuttgart bietet ungemein viel. Zum Beispiel bin ich schnell im Grünen, wo ich wunderbar joggen kann. Trotzdem freue ich mich darauf, dass ich 2019 nach Staufen zurückkehren kann. Dort ist es weniger anonym als in der Großstadt.
Wolfgang Kaltenbach

Der Bankkaufmann und Betriebswirt (geboren 1956) stammt aus Furtwangen im Schwarzwald. Nach Stationen bei der Sparkasse Furtwangen und der Sparkasse Freiburg wechselte er 1993 in den Vorstand der Sparkasse Staufen. Von 2001 bis 2007 war Kaltenbach stellvertretender Vorstandsvorsitzender der fusionierten Sparkasse Staufen-Breisach. 2007 wurde der Finanzexperte Generalbevollmächtigter und nach einem Jahr Vorstand der damaligen LBS Baden-Württemberg. Seit 2017 ist er Vorstandsvorsitzender der LBS Südwest. 2019 will Kaltenbach in den Ruhestand gehen.
Stefan Siebert

Der Volkswirt (geboren 1961) kommt aus Kenzingen. Nach seinem Studium an der Universität Freiburg durchlief er ein Traineeprogramm der Sparkasse Freiburg. In dem südbadischen Finanzinstitut bekleidete Siebert unterschiedliche Positionen. Von 2002 bis 2009 verantwortete er unter anderem im Vorstand das Privatkundengeschäft. Von 2010 bis 2017 leitete er als Vorstandsvorsitzender die Sparkasse Baden-Baden/Gaggenau. Seit Ende 2017 arbeitet Stefan Siebert als Generalbevollmächtigter der LBS Südwest. Er ist der designierte Nachfolger von Wolfgang Kaltenbach.


LBS Südwest

Die Landesbausparkasse Südwest ist die größte Landesbausparkasse in der Bundesrepublik. Ihr Einzugsgebiet ist Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg. Wie die anderen Landesbausparkassen gehört sie zur Sparkassen-Organisation. Die LBS Südwest hat im Geschäftsjahr 2017 Bausparverträge über 9,3 Milliarden Euro vermittelt. Die Bausparsumme belief sich auf 74,25 Milliarden Euro – ein Plus von 3,2 Prozent im Vergleich zu 2016. Die Bilanzsumme der LBS Südwest beträgt 19 Milliarden Euro.