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19. Mai 2017 08:00 Uhr

Kaiserstühler Winzer

Norbert Weber tritt als Präsident des Deutschen Weinbauverbandes ab

Nach zwanzig Jahren an der Spitze des Deutschen Weinbauverbandes tritt Norbert Weber ab. Er blickt auf eine bewegte Zeit zurück, in der er selbst viel bewegen wollte.

  1. Norbert Weber Foto: Angelika Stehle

Sorgsamkeit und Vielfalt – das sind zwei Worte, die Norbert Weber oft und gern benutzt. Beide haben viel mit dem zu tun, auf welche Weise Wein gemacht wird, wo und von wem. Sie erzählen aber auch von Webers Arbeit als Präsident des Deutschen Weinbauverbandes, die am Montag zu Ende geht.

20 lange Jahre stand der Kaiserstühler an der Spitze der Dachorganisation der deutschen Winzer. Nun, im Alter von 69 Jahren, tritt er ab – und verbringt dann wieder mehr Zeit auf heimischem Terrain, weniger auf der Autobahn oder im Flieger. In Bonn die Zentrale, in den verschiedenen deutschen Anbaugebieten die Termine, dazu regelmäßige Reisen nach Berlin und Brüssel: Ein Weinbaupräsident ist ständig unterwegs, hält Reden, diskutiert in Sitzungen, leitet Versammlungen, trifft Politiker, repräsentiert. Dazu ist Weber – ein Jahr noch – Aufsichtsratsvorsitzender der deutschen Weinwerbung. Und den Familienbetrieb in Bischoffingen, einem Teilort von Vogtsburg, gibt es natürlich auch noch.

Immerhin: Weitere Ehrenämter hat er nicht. Nicht mehr. Was ein bisschen verwundert bei einem wie ihm, bei einem, der bestens vernetzt ist, der erst die Winzer aus dem Ort vertrat, dann jene vom Kaiserstuhl, schließlich die aus Baden und seit 1997 die Weinbauern der ganzen Republik. Der vor mehr als 45 Jahren im Südbadischen Bauernverband aktiv war, der für die Freien Wähler im Vogtsburger Gemeinderat saß und der für sein vielfältiges Engagement mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde ("Das habe ich stellvertretend entgegengenommen für all meine Mitdiskutanten, Mitstreiter, Mitarbeiter", sagt er). Doch eines Tages, im Gemeinderat, wurde es ihm bewusst: Man kann nicht alles machen. "Ich bin ausgeschieden, als ich merkte, dass ich nicht mehr an jeder Sitzung teilnehmen konnte."

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Der Mann will etwas bewegen

Fokus also, schließlich will Weber etwas bewegen, will einen. Einigkeit ist das höchste Gut für eine Branche, die von ihrer Vielfalt lebt und gegenüber der Politik dennoch mit einer Stimme sprechen muss. "Nicht jeder Kompromiss hat mir geschmeckt", gibt Weber zu, "aber man muss sich geschlossen präsentieren, selbstbewusst und durchsetzungsstark."

Wie das geht, hat er schon in jungen Jahren gelernt, im Bund der deutschen Landjugend: "Wir waren damals der erste Jugendverband, der sich der sich gegen Atomkraft ausgesprochen hat." Im Lichte der Debatte um das Akw Wyhl war ihm früh klar geworden, dass "in der Atomenergie nicht alles so koscher ist, wie es sein sollte." Damals schon kam er mit der Politik in Kontakt und lernte selbst politisch zu agieren: "Wie nehme ich eine Versammlung in die Hand, um aus einer Minderheitsmeinung eine Mehrheit zu formen?" Rüstzeug für eine Funktionärskarriere. Doch was ist der Reiz dabei, die Motivation, das Ziel? "Erfolg ist, etwas nach vorne zu bringen im Sinne derjenigen, deren Interessen man vertritt. Das ist sehr erfüllend", sagt der 69-Jährige.

Der Kampf mit Brüssel um ein Kulturgut

Prägend in seinen Präsidentenjahren seien dann die "harten Auseinandersetzungen mit der EU-Kommission" gewesen, blickt der Ur-Kaiserstühler zurück. Denn es ist gar nicht lange her, dass in der Branche ein Schreckgespenst umging. Das Kulturgut Wein zu einem Massenprodukt zu machen, agrarpolitisch zu behandeln wie Kartoffeln? Reben in Niedersachsen, der Bretagne oder der Po-Ebene anstatt in traditionsreichen Steillagen? Die Verbände kämpften für eine sorgsame Anbaupolitik und gegen eine Brüsseler Laissez-faire-Haltung, wie Weber es ausdrückt. Mit Erfolg.

Nun also endet diese Ära. Ein Abschied nach 20 Jahren – kommt da keine Wehmut auf? Nein, glaubt Weber. Endlich Zeit für Tennis, fürs Ski- und Radfahren, für den Garten. Und im Betrieb in Bischoffingen wird er auch noch gebraucht. Seine Tochter und ihr Ehemann haben ihn vor vier Jahren übernommen. Beides Quereinsteiger. Sie Sozialpädagogin, er Musiklehrer. Dass Norbert Weber ihnen mit Rat und Tat zur Seite steht, versteht sich von selbst. "50 Jahre Erfahrung", sagt Weber, schmunzelt und erzählt davon, wie er seine Funktionstätigkeit in Einklang brachte mit dem Dasein auf dem Hof und in den Reben, Smartphone hier, Traktor da, Maschinenarbeit, Teamwork, Schnapsbrennen im Winter. Sein Beruf, den er liebt und lebt und repräsentiert, hat viele Gesichter.

Autor: Karl Heidegger