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18. März 2017

"Male oscuro" von Ingeborg Bachmann offenbart Intimes

"Male oscuro", der erste Band der neuen Werkausgabe von Ingeborg Bachmann offenbart Intimes.

  1. - Foto: piper Verlag

90 Seiten. Mehr umfasst der erste Band der neuen Werkausgabe von Ingeborg Bachmann nicht. Diese 90 Seiten berichten von einer Krankheit, von der sich die Dichterin nicht mehr erholen konnte. Die sie nur zeitweise bändigen konnte. Tabletten waren im Spiel, Psychopharmaka, Morphium, sehr große Mengen offenbar, ein Freund sprach von vor leeren Schachteln überquellenden Mülleimern in Bachmanns Wohnung in Rom in der Straße Bocca Leone.

Ende 1962 erlitt Ingeborg Bachmann in Folge der Trennung von Max Frisch einen physischen und psychischen Zusammenbruch. Der 51-jährige Frisch hatte im Sommer die 29 Jahre jüngere Romanistikstudentin Marianne Oellers kennengelernt und mit ihr eine Liebesbeziehung begonnen. Knappe vier Jahre hatte die Verbindung zwischen dem durch "Stiller", "Homo Faber" und "Biedermann und die Brandstifter" weltberühmt gewordenen Schweizer Autor und der mit ihren Gedichten, Hörspielen und Erzählungen als erratisches Fräuleinwunder des deutschsprachigen Literaturbetriebs gehypten Dichterin gedauert. Sie galten als das Glamourpaar der Literatur. Frisch war Bachmann 1960 nach Rom gefolgt.

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Es war sicher nicht einfach. Wie sollte die introvertierte Lyrikerin neben dem weltgewandten Lebemann bestehen? Wie ihre Schreibfähigkeit erhalten? Max Frisch hingegen hatte keine Skrupel, seinen privaten Umgang öffentlich und damit Intimes "zum Material für geschickte Hände" zu machen, wie es Jean Améry in einer Rezension der späten Erzählung "Montauk" nennt. Die Betroffenen empfanden es als Missbrauch und Verrat. Daran zerbrach die in Berzona geschlossene Freundschaft Frischs mit Alfred Andersch, daran zerbrach später die Ehe mit Marianne Oellers. Auch Ingeborg Bachmann sah sich durch Frischs 1964 erschienenen Roman "Mein Name sei Gantenbein" bloßgestellt. Mag sein, dass auch darin ein Grund dafür zu suchen ist, dass sie die Briefe Frischs nach der Trennung zum Großteil vernichtet hat. Der Briefwechsel soll, so die erklärte Absicht der Erben, 2021 im Rahmen der Werkausgabe erscheinen. Man erwartet ihn mit großer Spannung.

Hier aber, in "Male oscuro", spricht nur eine. Eine Frau, die durch die Hölle von Angst und Schmerzen gegangen sein muss. Eine Schriftstellerin, die alles daran setzt, die Autonomie über ihr Leben und ihr Schreiben zurückzugewinnen. Dieses Ringen ist es wohl, das den Herausgeber Hans Höller bewogen hat, die Werkausgabe, ein Gemeinschaftsprojekt von Bachmanns Verlagen Piper und Suhrkamp – dorthin wechselte sie aus Protest gegen den nationalsozialistisch kontaminierten Achmatowa-Übersetzer Hans Baumann – just mit diesem Band zu eröffnen und damit die Leser in eine autobiografische Nähe zu dieser Autorin zu bringen, die ihr selbst womöglich nicht recht gewesen wäre. Ingeborg Bachmann legte größten Wert auf Diskretion.

Von einem Arzt

zum anderen geirrt

Andererseits findet sich am Ende dieser Sammlung von Traumprotokollen und Briefen an ihren Baden-Badener Therapeuten Dr. Helmut Schulze die das Schweigen brechende Rede einer Patientin an ihre Ärzte. Der Text hat den Titel des Bandes inspiriert. "Il male oscuro": Auf den autobiografischen Roman von Giuseppe Berto bezieht sich Bachmann. Es ist die "Odyssee eines Mannes, der sieben Jahre lang von einem Arzt zum anderen irrt", bis er in die Hand eines Psychotherapeuten gerät, der ihn "zurücktransportiert ins Leben".

Bachmann macht klar, dass es ihr nicht besser gegangen ist; dass auch ihre Leidensgeschichte eine des Unverständnisses und des Unvermögens derer ist, die den Zusammenhang zwischen Physis und Psyche nicht erkennen: "Meine Herren, ich bitte Sie: sagen Sie den Internisten auf der ganzen Welt: es könnte immerhin sein, daß ein Mensch nicht nur Erstickungsanfälle oder Kopfanfälle hat, – es könnte doch sein, dass er einen Therapeuten braucht. Das verwinde ich nicht, dass man mein Leben zerstört hat, weil man nicht begriffen hat, dass ich einer Räuberbande in die Hände gefallen bin, und man hat mit mir EKG gemacht und EEG und hundert Untersuchungen, aber niemand hat mich gefragt: was haben Sie denn, warum sind Sie so elend. Niemand. Und ich habe doch ausgesehen, ganz gewiß, wie ein zutodverwundetes Tier. Das war doch zu sehen." Die Psychosomatik, die heute zum Grundverständnis ärztlichen Handelns gehört, war in der Schulmedizin damals kaum verbreitet. Die Augen öffnete Bachmann eine Abhandlung des 2004 in Freiburg gestorbenen Begründers der psychosomatischen Medizin Thure von Uexküll.

Mag sein, dass eine angemessene Psychotherapie Ingeborg Bachmann vor dem Medikamentenabusus hätte bewahren können, der sie das Leben gekostet hat: Sie starb 1973 nicht an den Verletzungen, die sie sich durch eine brennende Zigarette im Bett zugezogen hatte. Sie starb an epileptischen Anfällen durch den Entzug, den die Ärzte nicht erkannt hatten. Man ahnt nicht ohne Bestürzung, welche Qualen die Dichterin in den elf Jahren, die ihr nach dem Zusammenbruch noch blieben, ausgestanden haben muss. Es nötigt Respekt ab, dass es ihr trotzdem möglich war, weiter eine öffentliche Rolle zu spielen: 1963 zog sie mit einem Stipendium für zwei Jahre nach Berlin, 1964 erhielt sie den Büchner-Preis, 1972 erschien ihr Erzählband "Simultan".

Unabweisbar bezeichnet "Male oscuro" einen Bruch – und markiert den Übergang zu Bachmanns Spätwerk, das unvollendet gebliebene Großprojekt der "Todesarten". Die Traumnotate, die Bachmann im Februar und März 1963 niedergeschrieben hat, weisen auf das Traumkapitel von "Malina" hinaus. In "Male oscuro" findet Ingeborg Bachmann auch die Legitimation für ihr weiteres Schreiben: "Es sind also die Kranken, auf die zu zählen ist und denen das Gefühl für Unrecht und Ungeheuerlichkeit noch nicht abhanden gekommen ist", wie es in den "Todesarten" heißt. Die individuelle Krankheitsgeschichte wird aufgehoben in der Kunst.

Ingeborg Bachmann: Werkausgabe (Salzburger Edition). "Male oscuro". Aufzeichnungen aus der Zeit der Krankheit. Hg. von Isolde Schiffermüller und Gebrielle Pelloni. Suhrkamp/Piper, Berlin München 2017. 257 Seiten, 34 Euro.

Autor: Bettina Schulte