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28. Juni 2012

Skispringen

Martin Schmitt: Schmitteinander weiterfliegen

Die Zukunft ist jetzt: Skispringer Martin Schmitt hat seine Knieverletzung überstanden und trainiert im 35. Lebensjahr fürs Comeback.

  1. Angriffslust im 35. Lebensjahr: Martin Schmitt findet auch im Sessellift keine Zeit zur Muße. Ducken, hocken, Kinn nach vorn, das Ideal der perfekten Anfahrtshaltung ist eine ewige Suche. Foto: johannes bachmann

  2. Die Sommersonne im Rücken, den Winter vor sich: Martin Schmitt Foto: Johannes Bachmann

  3. „Ich komm’ im Sitzen nicht so weit nach vorn“: Schmitt bei der Selbstanalyse über dem Gullydeckel. Foto: Johannes Bachmann

  4. Wegweiser: „Der Martin gibt Gas in alle Richtungen“, sagt B-Kadertrainer Stefan Horngacher. Foto: Johannes Bachmann

  5. Der Himmel ist keine Grenze: Höhenflüge sind keine Frage des Alters. Foto: Johannes Bachmann

SKISPRINGEN. Das Lachen ist noch immer entwaffnend jungenhaft, sein Körper ein sehniges Bündel Energie und wären da nicht die Fältchen um die Mundwinkel, so könnte man glatt vergessen, dass dieser Mann mit seiner stoischen Lust am Fliegen im erdnahen Raum aus der Zeit gefallen ist. Vier Weltmeistertitel und 28 Weltcupsiege hat Martin Schmitt gefeiert, im Team Olympia-Gold gewonnen und einen Skiflug-Weltrekord aufgestellt. Erfolge, die ein Jahrzehnt zurückliegen. In ein paar Monaten wird er 35 – und sieht keinen Grund, für immer zu landen.

Schon seit Jahren wird ihm (öffentlich) immer wieder der Rücktritt nahe gelegt. Ein Ratschlag, den er einfach weggrinst. Schmitt verweigert sich dem Absprung in den Alltag. Seine Zukunft ist jetzt. Was er morgen macht? "Skispringen natürlich."

Auf den Winter ist Verlass. Zu jeder Jahreszeit. Zumindest in Hinterzarten. Auch wenn die Schanze an diesem Juni-Nachmittag grün und die Luft sommerlich warm ist. Hier herrscht reger Flugbetrieb. Jeden Tag. Eine Handvoll Zuschauer aus Deutschlands nahem Osten ist in Shorts und Sandalen unterwegs, um im Auslauf der großen Rothaus-Schanze mit Kennerblick die Luftfahrt eines Silberlings zu verfolgen, der wie ein fliegender Fisch hinunter ins Tal springt. "Sieht aus wie der Hannawald", vermutet Fan Horst.

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Schmal wie ein Suppenkasper ist der vermeintliche "Hanni". Breite Querstreifen auf dem Overall würd’ man dem Mann wünschen, der da nach dem Telemark auf den Kunststoffmatten, den langen Rücken weit hinter der Skibindung, als Rasenplätter übers Naturgrün im Auslauf rutscht. Doch Silber streckt. Gegen den dünnen Mann wirkt jeder Bleistift dick. Der Silberflieger schultert die himmelblauen Latten, auf denen sein Lebensmotto prangt: Fluege.de.

"Ich seh’ noch was

in meinem Sport. Es

ist noch nicht zu Ende."

Martin Schmitt zu seiner Motivation
Die Bretter, die ihm die Welt bedeuten, wandern auf schmalen Schultern vorbei an dem nun zweifelnden Horst (Hanni?) und landen neben der Multifunktions-Skihütte an der Betonwand. Der silberne Overall rutscht auf blanker Haut Richtung Taille, die Hand greift zum Walkie-Talkie, das den Skispringer mit B-Kadertrainer Stefan Horngacher verbindet, der hoch oben am Schanzentisch wie ein Adler jeden Flug beobachtet. "Steff’, und?" Hört sich an wie Martin Schmitt. Ist Martin Schmitt. Gelächter in der Horst-Gruppe.

Schmitt, den Wildfremde gern "den Martin" nennen, bekommt davon nichts mit. Konzentriert, fokussiert, detailversessen ist der Tannheimer, der für den SC Furtwangen startet und in Freiburg lebt. Als Sechsjähriger hob er erstmals in einem Wettkampf von einer Schanze ab. Schmitt ist ein Kopfmensch. Ein Analytiker, der in diesen 90 Trainingsminuten und fünf Sprüngen jedes Detail hinterfragt ("war ich zu tief?") , so wie vor zehn, so wie vor fünf Jahren, so wie jetzt. Routine hat er bei den Luftfahrten wie kaum ein Zweiter. Würde er alle seine Sprünge zu einem Flug addieren – er käme bis Mallorca. Und seine gut 15 Jahre jüngeren Weltcup-Konkurrenten nur bis Basel. Mit dem Zufall kann er nichts anfangen. Zufällig hatte sich Schmitt im Sommer vor einem Jahr eine Knieverletzung zugezogen. Aus dem Zipperlein wurde Schmerz, dann Seelenqual. Es folgten Trainingspausen, dann Wettkampfaussetzer und an Neujahr ein Karrieretiefpunkt: in Garmisch wurde der Kopfmensch Schmitt beim zweiten Springen der Vierschanzentournee mit einem Absturz auf Rang 38 ins Niemandsland der Ergebnisliste in die Knie gezwungen. Die Saison war vorbei, ehe sie richtig begonnen hatte. Es gab keinen Trost, wenig Mitleid, Häme. Statt Genesungswünschen wurde hinter Schmitts Rücken eine Forderung laut: "Aufhören".

Aufhören? Nur weil das Knie zufällig nicht mitspielt? Ob er ans Karriereende gedacht hat? "Ich seh’ noch was in meinem Sport", sagt Schmitt an diesem Junitag in Hinterzarten. "Die Frage ist, ob ich das mit 34 oder 35 Jahren noch machen muss. Aber es ist noch nicht zu Ende." Schmitt geht es nicht ums Müssen. Es geht ums Dürfen. Um Wollen. Um Leidenschaft. Schmitt lebt nicht vom Skispringen. Skispringen ist sein Leben: "Es ist ein Privileg, dass ich diesen Sport als Beruf ausüben darf." Das erklärt, warum geschah, was passieren musste. Schmitt kämpfte. Mit sich. Mit seinem Knie. Mitte März begann er wieder mit dem Training. Am 19. Mai hob er in Hinterzarten zum ersten von bislang rund 100 Übungsflügen ab. Skispringer werden schließlich im Sommer gemacht.

Zehn Jahre nach seinem vorerst letzten Weltcupsieg hat Schmitt auf der Schanze noch immer den Mut, von Sprüngen auf Weltklasse-Niveau zu träumen. Das Knie, es hält. Die Motivation lässt sich aus Schmitts Augen ablesen. Gelassen sein sollen andere. Schmitt will auch im 35. Lebensjahr angreifen. So viel Biss imponiert Stefan Horngacher, B-Kader-Trainer der deutschen Skispringer. "Der Martin hat in den vergangenen Wochen richtig Gas gegeben. In alle Richtungen." Gäbe es für Willensstärke Medaillen, Schmitt würde wohl auf einem Berg aus Gold hocken.

Den Schlüssel zum Erfolg gibt’s nach dem vierten Sprung und Schmitts kritischer Selbstanalyse ("ich komm’ im Sitzen nicht so weit vor") gratis: "Martin, locker lassen", rät der österreichische Wahl-Schwarzwälder Horngacher, vor einem Jahrzehnt selbst ein Weltklassespringer und damals Schmitts Konkurrent. Heute ist er sein Wegweiser. Gute Sprünge hat der Trainer in den vergangenen Wochen beobachtet, "aber der Martin ist noch nicht stabil in seinen Leistungen". Sensibilität bei der Luftfahrt braucht Zeit.

Mit dem Modediktat der Skisprung-Funktionäre kommt Martin Schmitt erstaunlich gut klar. Die Springer-Overalls, vor zehn Jahren bei Sven Hannawalds Grand-Slam bei der Vierschanzentournee noch weit wie Ballkleider, sind im Sommer 2012 körpernah auf Taille geschnitten. Was auf dem Laufsteg adrett wirkt, erfordert in der Luft eine Veränderung der Flugtechnik. Viel Fläche gibt nun mal Auftrieb. Ein Blatt schwebt im Wind, ein Bleistift fällt auch bei bester Thermik.

"Mit dem neuen Anzug haben kleinste Haltungsfehler große Wirkung", weiß Schmitt, "ich bin mal gespannt, wie sich das bei Rückenwind auswirkt". Ein Praxistest, der am Wochenende im österreichischen Stams ansteht. Bei einem mit Weltklassespringern besetzten Continentalcup kehrt Schmitt sieben Monate nach seinem verletzungsbedingten Aus in Garmisch zurück auf die Schanze. Stefan Horngacher traut ihm eine Platzierung unter den besten zehn zu. Doch das Springen in der zweiten Liga soll nur Durchgangsstation sein. Martin Schmitts Zukunft beginnt jetzt, mit einem klaren Ziel, dem Weltcup vor der Haustür. "2013 will ich in Neustadt dabei sein. Dafür mach’ ich das alles."

Autor: Johannes Bachmann