Unterm Strich

In Johannesburg sind Radwege Todesfallen

Johannes Dieterich

Von Johannes Dieterich

Sa, 12. November 2016

Kolumnen (Sonstige)

Müll, Splitter und Räuber

In Johannesburg kommt kaum einer auf die Idee, sich freiwillig auf einem Fahrrad ins Verkehrsgewühl zu stürzen. Erstens ist die südafrikanische Metropole auf Hügeln gebaut, die selbst den gedopten Lance Armstrong aus der Puste brächten. Und zweitens muss man schon fast suizidal sein, um sich dem Straßenkampf ohne schützendes Stahlgehäuse auszusetzen.

Aber freiwillig ist in Südafrika ohnehin kein Wort, das zählt: Mancher ist schlicht gezwungen, ein Velo zu nutzen. Wie Martin Mathe, der mit seinem Drahtesel täglich mehr als 15 Kilometer zurücklegt, um zur Arbeit zu gelangen. In den vergangenen Jahren sind fünf seiner Bekannten im Straßenkampf getötet worden. Für den Slumbewohner war es ein Hoffnungszeichen, als er hörte, dass die Stadtverwaltung mit dem Bau von Radwegen begann: Vielleicht musste er bald ja nicht mehr um sein Überleben fürchten.

Mein Sohn Marvin lebte seinerseits in der Illusion, die Fahrradwege seien für seinesgleichen angelegt worden – er zählt zu den Drahtrittern der jungen Generation, die sich mit "Fixies" ohne Gangschaltung und Bremsen in den Verkehr stürzen. Marvin nutzte die Spuren eine Woche lang. Dann wusste er, dass sie Todesfallen sind – nicht nur, weil sich darauf Steine, Müll und Glassplitter ansammeln, sondern auch, weil sich Fahrraddiebe daneben im Gebüsch verstecken: Kommt ein Radler, springen sie mit Messern aus der Deckung. Auf offener Straße könnte er ihnen entkommen, sagt Marvin, aber in der von hohen gelben Plastiknoppen begrenzten Bahn ist er gefangen.

Doch wie es in Metropolen des Mangels auf der Südseite des Globus üblich ist, findet schließlich alles eine Verwendung: Die Fahrradwege wurden inzwischen von Altstoffsammlern entdeckt, die mit ihren Leiterwagen voller Flaschen, Plastik oder Altpapier bisher auf der Fahrspur trotten mussten. Pech für sie, dass nach der jüngsten Kommunalwahl die neue Stadtverwaltung den Bau weiterer Radwege stoppte: Man wolle das Geld lieber den Armen zukommen lassen, hieß es.