Einladung aus heiterem Himmel

MARKTGEFLÜSTER: Erinnern und vergessen

Peter Gerigk

Von Peter Gerigk

Di, 04. September 2018

Lörrach

Auf großes Interesse gestoßen ist die Ankündigung, ein Zeitzeuge erzähle am Sonntag, dem Europäischen Tag der jüdischen Kultur, in der Lörracher Synagoge aus seinem Leben – die Lörracher interessieren sich für ihre Geschichte. Doch nicht nur, dass der Zeitzeuge, der den Holocaust überlebte, krank war: Diese Veranstaltung war von der Synagoge überhaupt nicht geplant. Sie nahm diesmal nicht am Erinnerungstag teil. Rund 30 Interessierte sollen unverrichteter Dinge vor der Tür der Gemeinde gestanden haben, bis ein Telefonat Aufklärung brachte: Es handele sich um ein Missverständnis. Rabbiner Moshe Flomenmann wunderte sich, wer in ihrem Namen dazu eingeladen hatte: Man habe sich im April bei der Landeszentrale für politische Bildung wieder für die Teilnahme anmelden wollen, sei damit jedoch zu spät dran gewesen und habe deshalb nichts geplant. Dennoch hatte die Landeszentrale den Bericht des Zeitzeugen angekündigt – ein typisches Beispiel für die Macht der Gewohnheit. Denn die jüdische Gemeinde in Lörrach war sonst stets dabei. Jemand hatte wohl vergessen, die Nicht-Anmeldung zu registrieren. Dazu, dass die Erinnerungskultur in der Stadt hochgehalten wird, trägt nicht nur die Synagoge bei, sondern auch die Stadtverwaltung. Der Fachbereich Kultur und Tourismus will dem Gemeinderat bis Ende November eine Leitlinie für den Umgang mit der Geschichte – nicht nur die während des Nationalsozialismus – vorlegen. Außerdem richtet das Dreiländermuseum gerade den Blick auf die Zeitenwende 1918/19. Nächstes Jahr werde die jüdische Gemeinde wieder mit einer Veranstaltung am Europäischen Erinnerungstag teilnehmen, kündigt derweil Flomenmann an und wünscht allen Juden alles Gute und allen Nicht-Juden Frieden und das Beste zum jüdischen Neujahrstag Rosh ha-Schana, den die Gemeinde am Sonntagabend feiert – nicht-öffentlich wohlgemerkt.