Wo bleibt die Rücksicht?

MOMENT MAL: Mitdenken und mitfühlen

fwo

Von fwo

Mo, 16. April 2018

Kolumnen (Sonstige)

Von Frauke Wolter.

Es gibt Tage, an denen könnte man an der Welt verzweifeln. Ein Hundehaufen vor der Haustür; vom Tierhalter einfach liegen gelassen. Der Autofahrer, der einem die Vorfahrt nimmt. Die Frau, die sich beim Bäcker frech vordrängelt. Der Jugendliche, der auf der Straße die Schokoriegelverpackung ungerührt fallenlässt. Die Botschaft ist klar: Nach mir die Sintflut, was kümmern mich die Bedürfnisse der anderen. Rücksicht zu nehmen – das scheint altmodisch geworden zu sein. Sie beobachte, dass die Menschen weniger an die Gemeinschaft denken und vor allem sich selbst in den Mittelpunkt stellen, sagt eine Freundin, die seit Jahrzehnten schon sozial und in der Kommunalpolitik tätig ist. Wie erfreulich also, dass es auch Zeitgenossen gibt, die mitdenken und -fühlen. Die einem die Tür aufhalten, wenn man wegen der Einkaufstüten keine Hand freihat. Die auch mal ein Lächeln übrig haben, wenn man selbst gerade in seinem eigenen Stress gefangen ist. Oder die hilfsbereit sind, wie kürzlich eine Schaffnerin im ICE. Mein Sohn hatte sich beim schnellen Einsteigen an der metallenen Stufe das Bein angeschlagen. "Brauchen Sie einen Arzt?", fragte sie und griff sofort zum Telefon, um im Speisewagen einen Kühlakku zu besorgen. Und jedes Mal, wenn sie zum Fahrkartencheck durch den Waggon kam, fragte sie nach, wie es ginge. Unseren Dank wehrte sie bescheiden ab: "Das ist doch der normaler Service der Bahn." Wie schön.