Stilfrage: Können Sie gönnen?

Elisabeth Bonneau

Von Elisabeth Bonneau

Sa, 15. September 2018

Stilfrage

Eine größere Runde im Restaurant. Eine Freundin (Anfang 30) bestellt wie ich (männlich, Mitte 50) den Kabeljau. Der Kellner serviert ihr eine doppelt so große Portion. Darf ich das ansprechen?

Ob der Kellner die Ungleichheit übersah? Oder bemerkte er sie und wollte mit einer etwas unglücklichen Kavaliersgeste die – zumal jüngere – Dame begünstigen? Oder wollte er das gängige Klischee, dass Männer größere Portionen verdrücken (können) als Frauen, bewusst nicht bedienen? Wir wissen es nicht, sollten ihm aber keine böse Absicht unterstellen.

Hat die Freundin von der Ungleichbehandlung Notiz genommen? Vielleicht war sie im Eifer des Gesprächs oder von dem Lokal beeindruckt oder einfach hungrig und deshalb auf Sie gar nicht konzentriert? Vielleicht hätte sie sogar gern – das genannte Klischee bestätigend – mit Ihnen getauscht. Vielleicht weiß sie aber, dass das Tellertauschen in feinen Lokalen als unfein gilt. Es wird sogar berichtet, dass Gäste, die sich in Sternelokals gegenseitig kosten lassen, wegen Fehlverhaltens gebeten werden, das Restaurant nicht erneut zu besuchen. Vielleicht hat Ihre Freundin sogar selbst schlechte Erfahrungen gemacht. Es wird nämlich auch von Personen berichtet, die ein großherziges Angebot gar nicht schätzen und dem freundlichen Tischnachbarn dessen Spende sozusagen um die Ohren hauen.
Gut gemeint ist nicht immer gut gemacht, das ist nicht neu.

Sie könnten das Ganze im Scherz kommentieren: Der Freundin sagen, sie hätte "aber Glück gehabt". Gibt sie daraufhin etwas ab – gut. Wenn nicht – auch gut. Sie können den Kellner necken: "Der Dame sind Sie wohl gewogener als mir." Wahrscheinlich nimmt er daraufhin nicht der Freundin den Teller weg, um deren Portion zu verkleinern; wahrscheinlich bringt er Ihnen Nachschlag.
Oder aber Sie machen sich den rheinischer Großzügigkeits-Grundsatz zu eigen: "Man muss auch gönnen können".
Die Autorin ist Kommunikationstrainerin
und lebt in Freiburg.