Stilfrage: Vom Geben und Nehmen

Elisabeth Bonneau

Von Elisabeth Bonneau

Sa, 19. November 2016

Stilfrage

Seit Jahren nehme ich eine Bekannte in meinem Auto mit, teils zu längeren Ausflügen. Sie hat sich nicht ein einziges Mal an den Kosten für Benzin, Maut oder Parkhaus beteiligt. Sie ringt sich maximal zu einem "Danke" durch. Bin ich knickerig, wenn mich das stört?

Ich kenne diese Situation umgekehrt: dass eine Bekannte, die ich im Auto mitnehme, mit ihren Dankbarkeitsbekundungen in meinen Augen zu großzügig ist. Ich stelle durch gelegentliche Geschenke an sie das Gleichgewicht von Geben und Nehmen auch für mich wieder her. Zeigt Ihre Bekannte ihre Dankbarkeit vielleicht auch durch kleine Dienste wie Blumengießen oder auf ideelle Weise – und Sie sahen bisher den Zusammenhang nicht?

Bevor Sie ihr die Freundschaft aufkündigen, sollten Sie fairerweise die Gesamtbeziehung unter die Lupe nehmen. Kommen Sie dann weiterhin zu dem Schluss, dass das Gleichgewicht wirklich gestört ist, würde ich das Thema "Geben und Nehmen" einmal generell anschneiden; einen externen Anlass finden Sie in den Medien fast täglich. So erfahren Sie etwas über die Grundeinstellung Ihrer Bekannten. Ist sie von Haus aus, wie man über Habgierige scherzhaft sagt, "vom Stamme Nimm"? Oder findet sie: "Wer mehr hat, soll mehr geben"? Oder denkt sie über Ausgewogenheit gar nicht nach?

Kommt die Dame nicht selbst auf den Trichter, dass es hier auch um Ihre Beziehung geht, werden Sie wohl nachhelfen müssen. "Bei dieser Gelegenheit wüsste ich gern: Wie siehst du das Thema eigentlich zwischen dir und mir?"

Das ist nicht knickerig, das ist nicht weinerlich, das ist nicht vorwurfsvoll. Es ist die Verhandlungsbasis für das weitere Miteinander. Unzufriedenheit in einer Beziehung anzusprechen ist nicht angenehm. Sonst hätten Sie es längst getan. Doch so gemütlich sind Enttäuschungen nun auch wieder nicht. Aber das wissen Sie ja selbst.

Die Autorin ist Kommunikationstrainerin
und lebt in Freiburg.