UNTERM STRICH: Barock aus dem 3-D-Drucker

Franz Schmider

Von Franz Schmider

Di, 04. September 2018

Kolumnen (Sonstige)

Die Schweizergarde im Vatikan trägt neuerdings Plastikhelme / Von Franz Schmider.

Mehr zur Schau gestellte Tradition geht selbst in der ewigen Stadt nicht: Diese gelb-blau-rot gestreifte Pluderhosen, dazu Brustpanzer samt Schulterschutz aus Blech, weiße Halskrause und ganz oben ein Morion, ein visierloser Helm mit vorne und hinten spitz zulaufender Krempe samt Ohrenklappe und Kamm, rotem Federschmuck wie bei einem Gockel. In diesem frühbarocken Outfit trotzen die Gardisten, die den Papst beschützen, seit 500 Jahren Regen, Schnee und brütender Hitze. Neuerdings ertragen sie zudem stoisch Schnappschüsse und Selfieattacken.

Die päpstliche Garde ist ein Relikt aus einer Zeit, in der die Schweiz nicht der Vermögensverwalter der Welt, sondern Marktführer als Lieferant kerniger Söldner war. Bis heute wird nur Vatikangardist, wer katholisch, Schweizer mit Militärdienst, zwischen 18 und 25 Jahre alt und mindestens 1,74 Meter groß ist. Im Frühjahr erst wurde die Truppenstärke von 110 auf 135 angehoben. Man will häufiger mal durchwechseln, speziell im Sommer. Denn die Zeit, in der Gardisten sich für den Papst ins Gefecht zu stürzen hatten und manche ihr Leben ließen, sind vorbei. Die seit Jahren häufigsten Verletzungen im Dienst sind Folgen von Zusammenbrüchen aufgrund des Hitzestaus unterm Helm sowie Brandwunden am Kopf.

Nun kommt Abhilfe. Was die Gardisten zum Leidwesen von unverbesserlichen Traditionalisten neuerdings auf dem Kopf tragen, stammt nicht mehr aus der Werkstatt eines Blechschmiedes, sondern aus einem 3-D-Drucker, der in Stans im Kanton Nidwalden steht. Der schafft in 14 Stunden, wozu bisher 100 Stunden Handarbeit nötig waren – was vor allem an dem eingearbeiteten Relief des Wappens von Julius II. liegt. Schusssicher sind übrigens beide nicht, dafür ist der Helm aus Acrylnitrit-Styrol-Acrylat-Copolymer kratzfest und bekommt keine Dellen, wenn er – mit oder ohne Träger – zu Boden geht. Gerade um solche Umfaller künftig zu vermeiden wurden in die neue Haube kleine Belüftungskanäle eingearbeitet, die für Frischluft ums erhobene Haupt sorgen.