UNTERM STRICH: Die Launen der Natur

Michael Saurer

Von Michael Saurer

Mi, 31. Januar 2018

Kolumnen (Sonstige)

In Frankfurt darf ein Walnussbaum noch ein Walnussbaum sein / Von Michael Saurer.

Die alte Bauernregel besagt: "Wenn der Hahn kräht auf dem Mist, ändert sich das Wetter oder es bleibt, wie es ist." Eine messerscharfe Analyse, die gleich zwei unumstößliche Weisheiten birgt. Das Wetter ändert sich stetig und die Natur des Hahns ist es nun mal, zu krähen. Ob mit oder ohne Misthaufen.

Dennoch gibt es sonderbare Zeitgenossen menschlicher Art, die aufs Land ziehen und sich dann wutschnaubend über das Kikeriki vom Hof nebenan echauffieren. Immer wieder liest man auch von Fröschen, die umgesiedelt werden müssen, weil sich Bewohner von Neubausiedlungen – oft mit ökologischem Touch – vom Gequake der grünen Hüpfer gestört fühlen. In der Natur leben wollen ja viele. Nur soll sie doch – bitte schön – sauber, ungefährlich und keimfrei sein sowie jegliche Geräuschproduktion zwischen 19 und acht Uhr einstellen.

Manche Zeitgenossen gehen so weit, dass sie nicht nur den Tieren ihre Natur austreiben wollen, sondern auch den Pflanzen. So wie etwa jene Frau aus Frankfurt, die ihr Auto unter dem Walnussbaum ihres Nachbarn geparkt hatte – und sich dann verwundert zeigte, als der freche Baum im Herbst ein paar Nüsse abwarf und dabei Beulen im Blech ihres Gefährts hinterließ. Es kam am Ende, wie es kommen musste: Die Frau zog vor Gericht. Dabei verklagte sie nicht den Walnussbaum. Der war augenscheinlich nicht solvent genug, um den Schaden zu begleichen. Sie verklagte den Nachbarn. Der hätte auf seinen Baum besser achtgeben oder ihm zumindest ins Gewissen reden müssen, so böse Dinge nicht zu tun. Das Gericht sah das anders. Das Abwerfen der Nüsse sei auf "eine Gegebenheit der Natur zurückzuführen" und müsse somit hingenommen werden, heißt es in der Urteilsbegründung.

Begeistert dürfte die Klägerin darüber nicht gewesen sein. Dabei hatte sie eigentlich Glück gehabt. Würde sie in südlicheren Gefilden leben, und hätte ihr Auto unter einer Kokosnusspalme geparkt... Man mag es sich gar nicht vorstellen.