30 Jahre nach dem Geiseldrama von Gladbeck

WIR MÜSSEN REDEN: Die Schattenseite der Emotionalisierung

Thomas Hauser

Von Thomas Hauser

Mo, 12. März 2018

Wir müssen reden

Es gibt Ereignisse, da verzweifelt man am eigenen Berufsstand. Das Geiseldrama von Gladbeck 1988 war so ein Fall. Fassungslos und zugleich fasziniert verfolgten auch wir damals in der Redaktion, wie nach einem "normalen" Bankraub zwei Täter zu Hauptdarstellern eines Live-Doku-Dramas wurden, in dem Journalisten die Bühne bereiteten und Regieanweisungen gaben, während die Polizei dem Treiben machtlos zusah. Hitzige Diskussionen unter Kolleginnen und Kollegen beendeten die Sprachlosigkeit nach dem blutigen Ende dieses bizarren Roadmovies quer durch die Republik. Der Tenor aber war einhellig: Es darf nie wieder passieren, dass Journalisten derart aus ihrer Rolle fallen, jede professionelle Distanz verlieren und sich – wenn auch nicht de jure – zu Komplizen von Gangstern machen.

30 Jahre danach hat die ARD dieses Trauma zu einem zweiteiligen Fernsehfilm verarbeitet und mit Dokumentationen und einer Diskussion bei Sandra Maischberger journalistisch unterfüttert. Die Absicht war hehr, das Ergebnis aber ernüchternd. Nicht weil der Film etwa schlecht gewesen wäre, das war er nicht. Aber die Diskussionen und Rezensionen zeigen, dass dieses Trauma längst nicht aufgearbeitet ist – weder bei den Opfern noch bei den Journalisten. Und dass Wiederholungen nicht ausgeschlossen sind, auch wenn fast alle Kolleginnen und Kollegen dies tapfer abstreiten.

Die Instinktlosigkeit, diesen Film wenige Tage nach der Haftentlassung von Dieter Degowski, dem einen der beiden Täter, zu zeigen, kann man noch damit entschuldigen, dass man dies bei der Planung nicht wissen konnte. Aber schon die Einschätzung des Regisseurs Kilian Riedhof im Stern-Interview, die Ereignisse seien "die Begegnung mit dem Animalischen" gewesen, zeigten, dass auch die Aufarbeitung nicht ohne die Sensationalisierung auskommen konnte, die sie anprangern wollte. Was dieser Film mit den Opfern von damals heute macht, wurde nur protokollarisch abgearbeitet.

Dass die Mutter der getöteten Geisel Silke Bischoff Journalisten als "blutrünstige Menschen" bezeichnete, tat Ulrich Kienzle, 1988 Chefredakteur von Radio Bremen, als "Hysterisierung" ab. Selbstkritik war Mangelware. Dafür gab es Entschuldigungen und Rechtfertigungen zuhauf. Das Polizeiversagen, so Kienzle, hat das Journalistenversagen erst möglich gemacht. "In unserem Schockzustand haben wir in der Routine Schutz gesucht. Das hatte mit Jagdfieber nichts zu tun", sagte Manfred Protze, der damals für die dpa berichtete. Um später einzuräumen: "Wir wollten einfach die geilsten Bilder senden". Auch Rezensenten wie Frank Lübberding in der FAZ, rechtfertigen, was nicht zu rechtfertigen ist: "Die Journalisten taten nichts anderes, als eine Leerstelle zu nutzen, die die Polizei und die Umstände hinterlassen haben." Und Bild lässt Ihren unsäglichen Franz-Josef Wagner den leider nicht seltenen Zynismus von Journalisten achselzuckend auf den Punkt bringen: "Ein Reporter berichtet aus Afghanistan zwischen Toten und isst dabei Schokolade ... Manchmal ist Reporter ein Scheißberuf, aber ohne Reporter würden wir nicht sehen, in welcher Scheißwelt wir manchmal leben."

Dieser Zynismus hat das Medienversagen damals möglicherweise erleichtert, ist aber keine hinreichende Begründung. Gladbeck zeigt die Schattenseite einer Emotionalisierung in der Gesellschaft, die auch von Medien befördert wird. Wenn Ulrich Kienzle sein Verhalten als damals Verantwortlicher mit dem Aufkommen der privaten Fernsehsender zu erklären versucht, dann macht er unbewusst klar, was er und viele Journalisten verdrängen: Pervertierungen der journalistischen Arbeit sind in der Zeit der sozialen Netzwerke nicht ausgeschlossen, sondern eher wahrscheinlicher geworden. Vor allem dann, wenn Redaktionsleiter auf der Jagd nach Klicks im Internet ihre Reporter treiben und nicht wachrütteln, wenn sie ihre professionelle Distanz verlieren. Dass davor niemand gefeit ist, muss man sich bewusst machen, um es zu verhindern.