Wir müssen reden

Fall Hussein K.: Von weitsichtigen Lesern und schlafenden Redaktionen

Thomas Hauser

Von Thomas Hauser

Mo, 20. November 2017

Wir müssen reden

BZ-Ombudsmann Thomas Hauser über Hussein K. und das Versagen von Institutionen - und einen Leser, der bereits vor einem Jahr fragte, ob es Probleme mit der Pflegefamilie von Hussein K. gegeben haben könnte.

Ereignisse können irren, Zeitungen tun das nie, ätzte der große Satiriker Kurt Tucholsky vor 100 Jahren. Schon deshalb schmerzen einen die herzlichen Glückwünsche, die mich in diesen Tagen erreichten. Anlass war ein Artikel zum Fall Hussein K., in dem berichtet wurde, dass die Staatsanwaltschaft nach Berichten in der BZ und dann auch in anderen Medien Ermittlungen gegen den Jugendhilfeträger Wiese aufgenommen habe, der Hussein K. im Auftrag des Landkreises an die Pflegefamilie vermittelt und dabei gravierende Fehler machte.

Das Lob war vergiftet. Denn eben dieser Leser hatte mir schon im Dezember 2016 einen langen Brief geschrieben, in dem er unter anderem fragte: "Darf ich mal fern ab von Schuldzuweisungen simple Fragen stellen, die jetzt schon konkret diskutiert, recherchiert und erhellt werden könnten? Welche Qualifikation muss eine Gastfamilie haben, die den nun Verdächtigen beherbergt hat? Genügt Hilfsbereitschaft, Empathie? Gibt es da Regeln, gelegentliche Visitationen oder Nachfragen von professionellen Kräften, die die Integration begleiten und fördern oder gegebenenfalls eingreifen, wenn Missstände festgestellt werden?"

Ich hatte diese Fragen damals in die aktuellen Recherchen der Kolleginnen und Kollegen eingespeist, aber trotz des enormen Aufwandes mit dem gerade dieser Mord in der Redaktion bearbeitet wurde und wird, galten damals andere Fragen als vordringlicher. Meine hinhaltende Antwort, die im Duktus des Leserschreibens bedauerlicherweise auch eine latent flüchtlingsfeindliche Tendenz vermutete, wertet der Schreiber heute als "blauäugig". Er habe damals gewisse investigative Bemühungen von uns erwartet. Das aber hätte offenbar zu viel Arbeit gemacht.

Sein Urteil heute: "Es ist ja geradezu beängstigend, wenn Medien und Staatsanwaltschaft bei simplen Fragen gemeinsam so lange auf dem Schlauch stehen. Solange außer mir niemandem auffällt, wie lange Sie und Ihre Redaktion gepennt haben, können Sie sich ja weiter als Auslöser von aktuellen Ermittlungen befriedigt zurücklehnen."

Hat der Leser recht? Ich wäre damals nicht im Traum darauf gekommen, dass er mit seinen Fragen das vermuten könnte, was sich im Zug der Aufklärung nun abzeichnet. Zumal seine Fragen mich annehmen ließen, dass es ihm hier um eine Erklärung des in solchen Fällen üblichen Behördenhandels ging. Hinweise auf ein Institutionenversagen in diesem Fall kamen der Redaktion erst im Laufe ihrer Recherchen. Wenn er dies vorher wusste, Respekt. Zweitens hatte ich Murphys Gesetz außer Acht gelassen, nachdem schiefgeht, was schiefgehen kann. Und in diesem Fall scheint es wenig zu geben, was nicht schiefgegangen ist.

Doch hat die Redaktion "gepennt", weil sie diese Nebenspur des Falles nicht schon früher gefunden und verfolgt hat? Ich denke nicht, aber im Nachhinein urteilt man leichter. Urteilen Sie selbst.