Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

01. Februar 2012

Leitartikel

Deutschland in Europa: Domina mit Pickelhaube?

Führung durch Deutschland ist gefragt, aber mit Augenmaß, ohne Besserwisserei

Wie führt man, ohne zu dominieren? Angela Merkel muss sich derzeit in Bezug auf Europa diese Frage stellen. Sie und ihre schwarz-gelbe Koalition tun sich damit erkennbar schwer. Die Nerven im Euro-Krisenmanagement liegen blank. Das Gefühl, politisch und finanziell für alles verantwortlich gemacht zu werden, führen und bezahlen zu sollen, während manche, die Hilfe fordern, es an eigener Anstrengung mangeln lassen, dieses Gefühl macht wütend. Da rutscht schon mal der Wunsch nach einem Sparkommissar für Griechenland über die Lippen. Dabei hätte man sich besser auf die Zunge gebissen. Denn er vergiftet nicht nur die Atmosphäre, sondern ist auch sachlich falsch. Was hilft schon ein Aufseher, wenn es einer Staatsreform bedarf? Die muss Griechenland außerdem selbst wollen, wenn sie Erfolg haben soll.

Der Wunsch verrät aber auch so manches über die Selbsteinschätzung. Wir sind die Guten. Wir wissen, wo es lang geht. Und ihr sperrt euch, uns zu folgen. Vielleicht auch nur: Wir sollen bezahlen, also sagen wir auch, was geschehen muss.

Beides wäre ein fataler Trugschluss. Zwar steht Deutschland ökonomisch (noch) gut da, aber auch hierzulande gibt es ein Verschuldungsproblem. Darüber hinaus muss Deutschland ein vitales Interesse daran haben, dass die Kluft zwischen armen und reichen Staaten in Europa kleiner, nicht größer wird. Das Land ist abhängig vom Export, der größte Teil der Ausfuhren geht in den Euroraum, und Geschäfte kann man nur mit Volkswirtschaften machen, die sich die deutschen Waren leisten können.

Werbung


Deshalb darf sich die Bundesregierung auch nicht in die Rolle einer Pickelhauben-Domina hineintreiben lassen, die Europa unter das Sparjoch zwingt. Die Rolle ist vorgegeben, auch, weil in vielen Ländern nur auf Druck überhaupt gespart wird. Aber sie wäre fatal, weil sie die Partner ihres Selbstbewusstseins beraubte und in die Opposition zwänge. Auch deshalb, weil eisernes Sparen immer mit der Perspektive auf eine bessere Zukunft verbunden sein muss. Die fehlt in Griechenland wie in Portugal derzeit. Deshalb war es gut, dass der jüngste EU-Gipfel sich mehr mit Wachstumsimpulsen als mit Rettungspaketen beschäftigte. Auch wenn der Grat schmal ist zwischen Aufbruch und Überschuldung.

Fatal wäre das Gefühl, dass Deutschland alles alleine stemmen müsse. Obschon dieser Eindruck aufkommen kann. Frankreich ist, nicht nur wegen der nahen Präsidentschaftswahl, derzeit vor allem mit sich selbst beschäftigt. In Italien regiert mit Mario Monti zwar endlich jemand, der sich den Problemen stellt. Aber die sind gewaltig. Und London steht nicht nur in der Schmollecke, sondern auch selbst vor Herausforderungen. Aber Europa ist kein Zentralstaat und Deutschland weit davon entfernt, den Stein der Weisen zu besitzen.

Schon bei Sophokles heißt es: "Befehle nicht, wenn Dir die Macht gebricht." Deshalb auch führt kein Weg vorbei am mühsamen Prozess des Zusammenführens und Zusammenraufens in der Europäischen Union. In Brüssel haben sich 25 der 27 Mitgliedsländer einen Fiskalpakt geschworen. Jede Regierung muss diesen nun zuhause durchsetzen. Da sind Rückschläge möglich. Und es wird ein Europa der unterschiedlichen Geschwindigkeiten entstehen. Das muss nicht schlecht sein, wenn die Richtung stimmt..

Führen heißt, andere zum Erfolg zu bringen, und zwar so, dass jeder das Gefühl hat, er habe selbst entschieden. Diese Unternehmerweisheit umschreibt derzeit Deutschlands Rolle in Europa. Sie verlangt nicht nur Diplomatie und Zurückhaltung, sondern auch die Fähigkeit, andere Ideen und Meinungen vorbehaltlos zu prüfen und so die eigene Position weiterzuentwickeln. Denn Europas Stärke liegt in seiner Vielfalt, nicht in der Dominanz eines Landes, schon gar nicht Deutschlands.

Autor: Thomas Hauser