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21. März 2017

Leitartikel

Die Frage nach dem "Warum": Martin Schulz und der Zeitgeist

Woher Martin Schulz plötzlich ein Charisma erwachsen konnte, erschließt sich kaum. Dennoch: Da bewirbt sich einer mit einem Gegenentwurf zu Angela Merkel. Einer der Gefühl und Verstand in der Politik als gleichrangig empfindet, Und der glaubwürdig wirkt.

Ach, wäre man doch Historiker. Man könnte zuwarten und mit dem Abstand der Jahre die Bundestagswahl 2017 analysieren. Stärken und Schwächen, gelungene Schachzüge und Scharlatanerien träten zutage. Hinterher ist es immer einfach, vorher alles gewusst zu haben.

Am Sonntag hat die Sozialdemokratie Martin Schulz zum Vorsitzenden und Kanzlerkandidaten gewählt. 100 Prozent Zustimmung, wenn man die drei ungültig gemachten Stimmen außer Acht lässt. Die SPD berauscht sich an Schulz, hat der AfD die Aufmerksamkeit abgejagt und lässt Angela Merkel grau, verbraucht und technokratisch aussehen. Plötzlich scheint alles möglich.

Auf der Suche nach dem "Warum" geben die gängigen Muster der Politikbeobachtung keine Antwort. Sigmar Gabriel, der zugunsten von Schulz verzichtete, hielt am Sonntag die bessere Rede. Wirklich Neues hatte Schulz nicht zu bieten und woher dem als sperrig wahrgenommenen Ex-Präsidenten des EU-Parlaments plötzlich ein Charisma erwachsen konnte, erschließt sich kaum. Was er politisch will, bleibt ebenso nebulös wie woher er die notwendige Regierungsmehrheit nehmen will. Und sind nicht vor ihm schon andere wieder abgestürzt, deren Stern kometenhaft aufging?

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Gut möglich. Aber man kann die Geschichte des Martin Schulz auch anders lesen. Da bewirbt sich einer mit einem Gegenentwurf zu Angela Merkel. Einer der abstürzte, in die Irre ging und sich durchkämpfte. Der viel von Würde redet und von Ernst nehmen. Der Gefühl und Verstand in der Politik als gleichrangig empfindet, Haltung zeigt, wo Merkel managt; der fordern kann, wo die Kanzlerin liefern muss. Und der glaubwürdig wirkt. Dass Journalisten ihn eher kritisch beäugen, kommt ihm zupass. Auch, dass sie ihn unwirsch nach seinen Plänen befragen. Er lässt die SPD am Programm arbeiten, während die Kanzlerin Mühe hat, ihre Partei hinter sich zu versammeln.

Schulz bedient den Zeitgeist, Merkel ist dessen Feindbild. Er gibt sich als Außenseiter, der den Berliner Politikbetrieb aufmischen will – obwohl er selbst seit langem zum Establishment gehört. Er attackiert die Populisten, nutzt aber deren Methoden, wenngleich nicht deren Inhalte. Womöglich steht dieser Zeitgeist doch nicht so weit rechts, wie viele befürchten. Mit Merkel verbindet man dagegen durchwurstelndes Krisenmanagement, das Prinzip Alternativlos, die Suche nach der marktkonformen Demokratie, vieles also, dessen immer mehr Bürger überdrüssig sind. Dass dabei ein Schwarz-Weiß-Bild entsteht, das weder die Kanzlerin noch den Herausforderer scharf abbildet, wird gern ausgeblendet. Auch dass es am Ende weder Merkel noch Schulz pur geben wird, sondern Koalitionen.

Mit Martin Schulz hat die SPD einen Coup gelandet, der die Konkurrenten verunsichert und die politische Agenda durcheinanderwirbelt. Wie nachhaltig dieser Effekt ist, hängt davon ab, wie sich die Lage in der Welt entwickelt, aber auch davon, ob der Kandidat sich auch inhaltlich profilieren kann und ob er in seiner Euphorie nicht überzieht. Die meisten Menschen wissen, dass es ihnen gut geht in Deutschland.

Maßgeblich wird auch die Antwort der Union sein. Sie muss sich als moderne konservative Kraft präsentieren, die die Ängste der Menschen ernst nimmt, Deutschland aber nicht einfach auf Kosten anderer stark halten will. Wenn Schulz mit seiner Kandidatur erreichen würde, dass sich alle Parteien darauf besännen, ihr eigenes Profil zu schärfen und um Antworten auf die großen Herausforderungen der Gegenwart zu ringen, er hätte sich Verdienste erworben – egal wie die Wahl letztlich ausginge. Aber der Grat ist schmal und die Verlockung groß, die Schlachten der Vergangenheit zu schlagen und den Gegner zu verunglimpfen. Derzeit ist alles möglich. Das immerhin ist eine Chance.

Autor: Thomas Hauser