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09. Januar 2015 00:01 Uhr

Leitartikel

Die Angst darf in Frankreich nicht siegen

Die Terroristen von Paris wollten vernichten, was die französische Gesellschaft ausmacht: Gelassenheit, Laisser faire und Freiheit. Schaffen sie das? In Frankreich sitzt der Schock tief.

  1. Nach dem Attentat auf das Satiremagazin Charlie Hebdo: In Frankreich gibt es viel Solidarität mit den Ermordeten. Aber auch die Angst wächst. Foto: AFP

Das Beste wäre, weiterzumachen, als wäre nichts gewesen. Die Toten betrauern, die Täter strafrechtlich verfolgen, aber sich durch den Terror nicht aus dem Tritt bringen lassen. Denn genau das ist es doch, was die Attentäter wollen, die in Paris die halbe Redaktion des Satireblattes Charlie Hebdo massakriert haben. Sie wollen die durch Wirtschafts- und Identitätskrise verunsicherte französische Gesellschaft straucheln lassen. Sie wollen vernichten, was diese Gesellschaft ausmacht: Feingeist, Humor, Gelassenheit, Laisser faire und Freiheit, viel Freiheit vor allem.

Aber natürlich kann Frankreich nicht weitermachen, als ob nichts gewesen wäre. Der Schock sitzt zu tief. Wahre Kriegsszenen haben sich im Herzen der französischen Hauptstadt abgespielt. Das Bild von der Hinrichtung eines schwer verletzten Polizisten, dem ein vermummter Terrorist die Mündung seiner Schnellfeuerwaffe an die Schläfe hält und abdrückt, hat sich ins kollektive Gedächtnis eingegraben. Vor allem aber hallen die Schreie der Attentäter in den Köpfen nach: Allah ist groß, wir haben den Propheten gerächt, hallte es erst über Straßen und Plätze von Paris und dann, verstärkt von den Medien, durch ganz Frankreich.

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Ein bisschen Nachdenken genügt

Es ist nicht schwer, diese Schreie als Vereinnahmung einer der Nächstenliebe verpflichteten Weltreligion durch Gewaltverbrecher zu entlarven. Ein bisschen Nachdenken genügt. Aber wo die Angst waltet, hat der Kopf nicht mehr viel zu melden. Und die Angst wächst.

Am Tag nach dem Blutvergießen bei Charlie Hebdo sind in der Hauptstadt erneut Schüsse gefallen. Gewiss, es waren nicht die Täter vom Vortag, die diesmal geschossen und eine Polizistin umgebracht haben. Aber der Angst tut das keinen Abbruch. Soziologen warnen bereits vor einer kollektiven Psychose. Und so darf man getrost davon ausgehen, dass immer weniger Menschen bereit sein werden, zwischen den Islam missbrauchenden Terroristen und friedfertigen Muslimen zu unterscheiden.

Was dies für das Land heißt, das mit rund sechs Millionen Muslimen die größte islamische Gemeinde Europas beherbergt, ist unschwer auszurechnen. Wachsende gesellschaftliche Spannungen sind noch eine beschönigende Umschreibung für das, was Frankreich bevorsteht. Aus gutem Grund appelliert Staatschef François Hollande gebetsmühlenartig an seine Landsleute, angesichts der terroristischen Herausforderung die Reihen zu schließen. Aus gutem Grund hat er führende Repräsentanten der muslimischen, jüdischen und christlichen Gemeinden in den Elysée-Palast eingeladen, die einander vor laufenden Fernsehkameras die Hand gereicht und den Terror verurteilt haben. Aus gutem Grund beschwört der Staatschef unermüdlich die Ideale der Republik. Allein Demokratie und Menschenrechten verpflichtet, sollen die Franzosen unterschiedlicher Kultur und unterschiedlichen Glaubens gedeihlich zusammenleben – das ist die schöne, staatstragende Idee der Republik, die an der gesellschaftlichen Wirklichkeit zu zerschellen droht.

Die Stunde der Rechtspopulisten

Diejenigen, die an die Angst der Franzosen appellieren, dürften sich auf alle Fälle leichter tun als der Differenzierungsvermögen einfordernde Präsident. Die Rechtspopulisten des Front National, die den Problemen des Landes mit Schuldzuweisungen an die Adresse der EU, der Immigranten und der Muslime zu begegnen pflegen, sehen ihre Stunde gekommen. In dem Wissen, dass sie so manchem Verängstigten aus dem Herzen spricht, hat Marine Le Pen, Chefin des Front National, noch am Tag des Anschlags auf die Redaktion von Charlie Hebdo die Wiedereinführung der Todesstrafe gefordert. Bleibt nur die Hoffnung, dass Frankreichs Demokraten dagegenhalten, dass sie ein wenig von der Kaltblütigkeit an den Tag legen, die ihren Gegnern zu eigen ist.

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Autor: Axel Veiel