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20. November 2009

Leitartikel: Die verlogene Reform

Die Studenten sind in dieser Woche wie schon im Sommer mit einer Palette von Forderungen auf die Straße gezogen. Da schwang viel Idealismus mit: "Bildung für alle" oder "Selbstbestimmtes Studium". So etwas klingt gut, geht aber an der gesellschaftlichen oder der individuellen Realität meist vorbei. Doch wer protestieren will, braucht solchen Schwung. Eine Studentenbewegung, die sich nur am Kleinklein des universitären Alltags abmüht, hätte vermutlich wenig Ausdauer und noch weniger Aktivisten.

Aber der Ausgangspunkt des Protests liegt, nimmt man den Überschwang weg, durchaus in diesem konkreten Alltag. Zum einen fühlen sich die Studenten unzureichend betreut. Und in der Tat, wenn man die deutsche Durchschnittsquote von einem Professor pro 66 Studenten mit der amerikanischer Elite-Hochschulen vergleicht, weiß man, was von Exzellenz in der Lehre zu halten ist – meist nur Geschwätz. Doch mehr Dozenten gibt es nicht. Im Gegenteil: Auch die hochgelobten baden-württembergischen Universitäten bauen kontinuierlich Personal ab.

Zum anderen geht es um die vielerorts missglückte, halbherzig betriebene Studienreform, die mit dem Namen der Stadt Bologna verbunden ist. Über den Sinn der Reform lässt sich trefflich streiten. Manches spricht dafür, dass sich mit ihr auch Gutes verbinden ließe. Das aber verhindert die dreiste Art, mit der hier die wahren politischen Ziele zugekleistert worden sind. Angesichts dessen erstaunt sogar, wie maßvoll der Zorn der Studenten auf die Reform ist, obwohl sie ausbaden müssen, was ihnen vermeintlich europaselige Politiker und missgelaunte Hochschulen eingebrockt haben.

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Die Bologna-Reform, von europäischen Wissenschaftsministern als gemeinsame Absichtserklärung formuliert, gab große Ziele aus: Ein europäischer Bildungsraum sollte entstehen, in dem alle Hochschulabschlüsse von vorneherein anerkannt werden und der den Studenten ein Studieren ohne Grenzen erlaubt. Das Gegenteil ist nach zehn Jahren eingetreten: Wegen dicht gepackter Lernstoffe sind den Studierenden Auslandsaufenthalte im neuen Bachelorstudium nahezu unmöglich. Zudem fällt es schwerer denn je, auch nur zu deutschen Nachbarunis zu wechseln, weil dort das Bachelorstudium in Geschichte oder Psychologie völlig anders zugeschnitten ist.

Wie konnte es zu dieser Verirrung kommen? Ganz einfach – weil die Motive etwa der deutschen Wissenschaftsminister, sich auf die Bologna-Reform einzulassen, ganz andere waren. Ihnen ging es vorrangig ums Geld. Ein größerer Anteil der Bevölkerung sollte akademisch ausgebildet werden, ohne aber die Hochschulen erneut wie in den siebziger Jahren auszubauen. Das Bachelorstudium bot dazu die Chance: In diesem auf drei Jahre angelegten Kurzstudium ließen sich mehr Menschen durch die Hochschulen schleusen als vorher beim fünfjährigen Magister oder Diplom. Zwar kann man ein zweijähriges Masterstudium anschließen. Doch die feine Unterscheidung zwischen berufsqualifizierendem Bachelor- und wissenschaftsorientiertem Masterabschluss sollte klar machen, dass die Masse der Studenten nach drei Jahren zu verschwinden hatte.

Damit ließ sich auf mindestens kostenneutrale Weise das Studium auch noch scheinbar effizienter gestalten. Die Hochschulen erhielten folgerichtig nicht mehr Geld, obwohl die Bachelorstudiengänge wegen ihrer verschulten Organisation (es sollte sich ja auch die Zahl der Studienabbrecher verringern) mehr Personal verlangen. Die Bologna-Reform ist also ein Sparprogramm, das zugleich Raubbau an den Inhalten und der Form der akademischen Ausbildung treibt.

Der Zorn der Studenten kommt jedoch nicht bloß recht zahm daher, er kommt vor allem spät. Das ist den Hochschulen anzulasten, die ihre allenthalben zu spürenden Schwierigkeiten mit der Reform nie offen dargestellt haben – und nun mit gefrusteten Dozenten und Studenten zu kämpfen haben. Nur langsam wird eingesehen, wie tief die Umstellung der Studiengänge in die Organisation der Fachbereiche und Fakultäten eingreift, wie sehr sich das Verständnis von Lehren und Lernen verändert. Hinter die Reform aber kann jetzt niemand mehr zurück. Doch von der Rettung der Reform werden erst die künftigen Studentengenerationen profitieren. Gelackmeiert sind dagegen die meisten, die sich heute in ein Bachelorstudium eingeschrieben haben.

Autor: Wulf Rüskamp