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08. Oktober 2009

Thilo Sarrazin: Vom Provokateur zum Hetzer

Wie es Thilo Sarrazin schafft, viele Probleme der Hauptstadt präzise zu beschreiben und trotzdem im Abseits zu landen.

Ist Thilo Sarrazin ein Rassist oder das Opfer eines Denkverbots? Überschreitet er Grenzen, die diese Gesellschaft sich zu Recht gegeben hat? Oder haben wir uns nur einschläfern lassen von der Konsensunkultur, in der jedes Wort abseits des Korrektheitspfads zur Ruhestörung wird?

Die Diskussion um Thilo Sarrazins Interview in der Zeitschrift Lettre International flaut nicht ab. Glücklicherweise, denn mehr als aus diesem Interview kann man aus der Debatte darüber lernen. Die spielt sich auf zwei Ebenen ab. Auf der einen geht es um die Frage, ob das Mitglied im Bundesbankvorstand eine Wirklichkeitsbeschreibung liefert – ob Sarrazin also recht hat mit dem, was er sagt. Diese Frage tritt aber zunehmend in den Hintergrund. Denn mittlerweile konzentriert sich die Diskussion auf den Grenzverlauf des Sagbaren. Die Spanne der Meinungen ist weit: An ihrem einen Ende ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts der Volksverhetzung. Auf der anderen Seite wird Sarrazin erhoben zum Kronzeugen einer angeblich mundtot gemachten Mehrheit.

Diese Wendung ist interessant, vor allem, wenn man bedenkt, dass eigentlich alles bekannt ist, was Sarrazin von sich gegeben hat, nur eben nicht in diesem Ton. Der stammtischnahe Zungenschlag erst hat die Schleusen geöffnet für die Debatte, die sich nun unter dem Leitmotiv "Man muss doch endlich einmal sagen können, dass . . ." entfaltet.

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Die Frage nach den Ursachen der Misere wird nicht gestellt

Es ist ein bekannter Mechanismus bei solchen Tabubrüchen. Im Fall Sarrazin verweben sich die beiden Debattenstränge an Stellen, wo sie nicht zusammengehören. Auf der Faktenebene lohnt sich ein Blick auf das komplette Interview. Es erscheint in einem Sonderheft zur Lage Berlins zwanzig Jahre nach dem Fall der Mauer – es geht um eine Problemanalyse. Da ist Thilo Sarrazin ein vielversprechender Interviewpartner, weil er bekannt dafür ist, die Dinge kenntnisreich beim Namen zu nennen, weil er Berlin in Hassliebe verbunden ist, und weil er nach seinem Abgang aus der Politik einen gewissen Bedeutungsverlust in der Wahrnehmung gespürt haben dürfte.

Das Interview konzentriert sich nicht auf das Problem der gescheiterten Integration. Sarrazin beschreibt präzise die Probleme der Stadt. Er analysiert den Niedergang Berlins von jener Metropole des Geistes und des Geldes, die ihre jüdische intellektuelle Schicht vertrieb und vernichtete– und die dann ihre Manager, Vordenker, Entwickler verlor – eine Elitenvertreibung und -flucht, von der sich die Stadt bis heute nicht erholt hat. Er beschreibt die Subventionsmentalität in Ost und West, die strukturelle wirtschaftliche Schwäche. Aber er benennt auch Probleme, die keine Spezialität Berlins, sondern dort nur klarer erkennbar sind als im Rest der Republik. Nirgends leben so viele Menschen von der Hand des Staates. Nirgends sonst ist in einzelnen Straßenzügen der Migrantenanteil höher – und damit einhergehend die Zahl der Hartz-IV-Empfänger, die Ballung sozialer Probleme.

Sarrazin ist ehrlich, wenn er von Ausländern berichtet, die keinen Willen zur Integration hätten, von Eltern, die ihre Kinder nicht zum Lernen antreiben, von Lehrerinnen, die den Respekt mancher muslimischer Schüler vermissen, von Mädchen, die vom ersten Schultag an verschleiert werden, von kinderreichen Familien, die ein Baby auch unter dem Aspekt sehen, was es an Geld bringt.

Nur etwas tut Herr Sarrazin nicht: Er weigert sich, nach den Ursachen zu fragen. Kein Wort steht da über die Republik, die sich über Jahrzehnte weigerte, ein Einwanderungsland zu sein. Kein Wort zu fehlender Konsequenz, zu fehlenden Ganztagsschulen, fehlender Werteerziehung, zu spät eingeführten Sprachtests. Es ist fast kindlich hilflos, wie Sarrazin einer idealen Welt hinterhertrauert, die es nicht gibt – aber es ist im Kern unpolitisch. Er bleibt jede Anregung schuldig, wie man Probleme lösen könnte – sieht man von dem fragwürdigen und unrealistischen Vorschlag einer Zuzugsbegrenzung ab.

Berlin muss sich der Tatsache stellen, dass vierzig Prozent der Kinder aus bildungsfernen Familien kommen. Das betrifft Migranten und Deutsche. Mit seiner auf völkische Zugehörigkeit ausgerichteten Sprache ethnisiert Sarrazin ein Problem, das in Wahrheit in weiten Teilen ein soziales ist – was er in dem Interview an anderer Stelle selbst erkennt.

Berlin plagt kein ethnisches Problem, sondern ein soziales

Und hier vermischen sich die beiden Ebenen: Die Frage, ob Sarrazin recht hat und die Frage, ob man die Wahrheit nicht sagen darf. Sarrazin weiß, dass man die Wahrheit sehr laut sagen darf, gerade, wenn es die Ruhe stört – es ist schon lange sein Mittel, um als Mann aus der zweiten Reihe in der Mediendemokratie gehört zu werden. Kritisieren lassen muss er sich für etwas anderes: Er hat vermischt, was man trennen muss: Kritik an den Zuständen vom Rassismus. So ist er vom Provokateur zum Hetzer geworden.

Autor: Katja Bauer