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11. März 2010

UNTERM STRICH: Was wir bei Twitter lesen wollen

Karl Heidegger listet auf, welche Kurznachrichten viel zu kurz kommen.

Twitter wird überschätzt, maßlos, millionenfach. Millionen? Nein, damit ist es bei den Mini-Nachrichten im Internet nicht getan. Dieser Tage wurde der zehnmilliardste Tweet gezählt: Ein Tweet, das ist eine auf 140 Zeichen begrenzte Kurzmitteilung. 10 000 000 000 Echtzeit-News also, von Prominenten jeglicher Couleur, von Medienprofis und von ganz alltäglichen Menschen, die die Welt an ihren ganz alltäglichen Verrichtungen teilhaben lassen wollen. Also erfahren wir, wenn Anna L. nach dem Stillen noch zum Bäcker will. Wenn der Freiburger CDU-Politiker Daniel Sander mit der Straßenbahn zum SC-Spiel fährt. Wenn Radprofi Lance Armstrong trainiert. Aha.

Zugegeben: Tweets können durchaus informativ sein. Oder unterhaltsam, spannend und zumindest schräg. Aber sie sind es viel zu selten. Denn die interessantesten Nachrichten sind ja die, die nie den Weg in die Öffentlichkeit finden. Die in den Köpfen und Hinterköpfen ihrer Urheber stecken bleiben. Dabei würden wir wirklich gerne die geheimen Twitter-Notizen von Frankreichs Präsidenten Nicolas Sarkozy lesen: "Dieser Oettinger spricht perfekt Englisch – woher kann der das?" Oder vom früheren Post-Chef Klaus Zumwinkel: "Schon wieder 16 000 Euro Heizkosten für meine Burg. Werde ich von der Steuer absetzen." Oder von Robin Dutt, dem Trainer des SC Freiburg: "Gute Miene zum bösen Spiel – der Rhetorikkurs bei der VHS hat sich gelohnt." Ganz zu schweigen von Freiburgs Oberbürgermeister Dieter Salomon: "Berlin? Verkehrsminister im schwarz-grünen Kabinett? Da kann Hobbyboxer von Kirchbach nicht mithalten." Und wie wäre es, wenn US-Präsident Barack Obama auf seinem Twitter-Kanal nicht auf seine jüngste Rede zur Gesundheitsreform hinweisen, sondern die wahre Machtverteilung im Weißen Haus enthüllen würde? "Triumph des Tages: Erst ein Schokomuffin, dann eine Zigarette – und Michelle hat nichts bemerkt." Das wäre fein. Aber davor müssen wir sicher noch mal Milliarden überflüssiger Tweets erdulden.

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Autor: Karl Heidegger