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26. Januar 2012

Leitartikel

Weltwirtschaftsforum in Davos: Vom Elend des -ismus

Die Traumata der Vergangenheit versperren den Weg in eine bessere Zukunft.

Nun diskutieren sie wieder – die Staatenlenker und Wirtschaftsführer dieser Welt. Wenn sie Klaus Schwab, den Präsidenten des Weltwirtschaftsforums ernst nehmen, dann müsste es dieses Jahr in Davos grundsätzlich zugehen. Denn der ist zur Erkenntnis gelangt, dass der Kapitalismus in der bisherigen Form nicht länger in unsere Welt passe und dass wir die Lektionen aus der Finanzkrise von 2008 nicht gelernt hätten. Die Akteure und Profiteure des Raubtierkapitalismus sollen also nach Wegen zu dessen Domestizierung suchen. Das lässt staunen.

Aber soweit wird es wahrscheinlich nicht kommen. Denn Rednerliste und erste Wortmeldungen lassen erahnen, dass sich in Davos die bekannten zwei Lager ihre gewohnten Argumente für ihren Weg und gegen den der anderen um die Ohren hauen werden. Grob kann man auf der einen Seite von der angelsächsischen Schule sprechen, die – auch mangels Sozialstaat – sich vor Deflation und Massenarbeitslosigkeit fürchtet und Inflation zur Not in Kauf nimmt. Dagegen steht insbesondere die deutsche Schule, die nichts so fürchtet wie eine rasche Geldentwertung. Sie will sparen, auch wenn auf dem Weg zur Gesundung immer der Absturz in eine wirtschaftliche Depression droht. Die beiden Schulen haben viel mit historischen Traumata ihrer Protagonisten zu tun und wenig mit einer soliden Analyse der aktuellen Lage. Das heißt, die Antworten passen nicht auf die komplexen Herausforderungen. Wahrscheinlich gibt es nicht einmal die eine Antwort.

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Doch bevor sich das Unterschiedliche zu untersuchen lohnt, braucht es den Blick auf das Grundsätzliche. Dabei wird deutlich, dass man diesseits und jenseits des Atlantiks die Kapitalmärkte wild wuchern ließ und nicht erkennen wollte, dass mangelnde Regulierung auf den Märkten selbstzerstörerische Kräfte freisetzt. Man hat geduldet – auch weil es kurzfristig unseren Wohlstand mehrte –, dass sich die Finanzmärkte vom Diener der Realwirtschaft zum Beherrscher des globalisierten Marktes entwickelten, um dann erschreckt zur Kenntnis zu nehmen, dass sich mit der Verschiebung der Machtachse zugleich die Einflussmöglichkeiten der nationalen Regierungen verringerten. Doch anstatt sich zusammenzuraufen und den Primat der Politik über die Ökonomie wieder herzustellen, werden nationale Interessen über globale gestellt und naheliegende Lösungen verhindert.

Doch je länger die Krise ungelöst bleibt, desto größer wird vor allem in Europa die Kluft zwischen armen und reichen Ländern, desto brisanter wird die Herausforderung. Was zeigt, dass die Europäer vor einer doppelten Bewährungsprobe stehen: Sie müssen sich innerhalb des Kontinents zusammenraufen, bevor sie weltweit zur Krisenbewältigung beitragen können. Dass sich derweil das ökonomische Zentrum der Welt in rasantem Tempo vom atlantischen in den pazifischen Raum verschiebt, macht die Sache nicht einfacher. Zumal nebenbei noch Klimawandel, Terrorismus, Wasserknappheit und andere Risiken bewältigt werden wollen. Die Welt ruft nach globalen Antworten, doch wir bieten den Kleingeist nationaler Besitzstandswahrer.

Deshalb lohnte die Diskussion schon, wenn sie es denn fertigbrächte, die Suche nach neuen Antworten zuzulassen. Wobei die Grundfragen gleich geblieben sind. Sie thematisieren die Balance zwischen Markt und Staat (oder transnationaler politischer Organisationen), zwischen Eigennutz und Gemeinwohl, zwischen Freiheit und Verantwortung. Da ist vieles aus dem Lot geraten. Und die Geschichte lehrt: Zeiten, in denen dies so ist, in denen ein wie immer gearteter -ismus dominiert, waren schlechte Zeiten. Sie zeigt aber auch, dass die Menschheit sich ihrer Tyrannen letztlich immer zu entledigen vermochte. Und dass die Balance erreichbar ist. Auch wenn sie selten lange gehalten werden konnte.

Autor: Thomas Hauser