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22. Juli 2011

Wut auf Rom

Auf ungewöhnlich scharfe Weise greift Irlands Ministerpräsident den Vatikan wegen des Missbrauchsskandals an.

In einer dramatischen Abkehr von ihrer eigenen Geschichte hat die Republik Irland jetzt erstmals einen Papst und dessen Administration herausgefordert. Die Regierung eines der katholischsten Länder der Welt erwägt inzwischen sogar den Abbruch der diplomatischen Beziehungen zum Vatikan.

Im Zusammenhang mit neuen Enthüllungen zu Kindesmissbrauch durch Priester in Irland wirft Taoiseach (Regierungschef) Enda Kenny dem Vatikan vor, das Rechtswesen auf der Insel sabotiert zu haben. Mit seiner "Kultur der Funktionsunfähigkeit und Abgehobenheit, des elitären Gehabes und des Narzissmus" habe sich der Vatikan nur an der Vorherrschaft der eigenen Institution, nicht aber am Schicksal vergewaltigter Kinder in Irland interessiert gezeigt, meint Kenny. Dublin sei nicht Rom, sagte der Taoiseach vor einem staunenden irischen Parlament. "Hier leben wir in der Republik Irland im Jahr 2011 – in einer rechtsstaatlichen Republik." Man erwarte umgehende Antwort aus Rom zu den gegen die päpstliche Administration erhobenen Anschuldigungen. Im Außenministerium wird die Schließung der irischen Botschaft beim Heiligen Stuhl diskutiert.

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Der scharfe neue Ton Dublins gegenüber Rom ist umso erstaunlicher, als das durchweg katholische Irland immer eines der Länder war, in denen der Staat sich Vorgaben der katholischen Hierarchie am willigsten fügte. In kaum einer anderen Nation hat die Kirche solchen Einfluss ausgeübt wie in den vergangenen neunzig Jahren in Irland. Noch heute wird zum Beispiel das vom Staat finanzierte öffentliche Schulwesen von der katholischen Kirche maßgeblich kontrolliert. Erst die nach und nach aufgedeckten Skandale priesterlicher Kindesmisshandlung führten dazu, den Einfluss der Kirche zu untergraben.

Vertuschung war üblich

Solche Misshandlungen waren offenkundig weit verbreitet, wie bereits drei Stichprobeuntersuchungen der vergangenen Jahre erkennen ließen. Ebenfalls üblich war die Vertuschung und Verheimlichung solcher Gewalttaten durch Staat und Kirche über Jahrzehnte. Die jüngste Empörung hat ein neuer, vierter Bericht aus der Diözese Cloyne im Süden Irlands rund um die Stadt Cork ausgelöst. Dieser Bericht, vor wenigen Tagen veröffentlicht, enthüllt, dass noch bis vor drei Jahren katholische Priester im Raum Cloyne Kinder und Jugendliche ungestraft belästigen, misshandeln oder sogar vergewaltigen konnten. Der langjährige Bischof von Cloyne, John Magee, zeigte laut des Berichts "wenig Interesse an diesen Missbrauchsfällen". Magee, der bis zu seiner Berufung nach Cloyne im Jahr 1987 Privatsekretär dreier Päpste war, soll sich selbst mehrfach einem 17-jährigen Priesterkandidaten in seiner Diözese durch leidenschaftliche Umarmungen und Gefühlsergüsse aufgedrängt haben. Er trat im März vorigen Jahres von seinem Amt zurück.

Richterin Yvonne Murphy schreibt in ihrem Bericht, dass Magee neun von 15 ernsten Missbrauchsfällen aus den Jahren 1996 bis 2009 nicht an die Polizei weiterleitete. Ganz besonders hebt der Report hervor, dass der Vatikan 1997 in einem heimlichen Schreiben den irischen Bischöfen geraten hatte, alle im Jahr zuvor eingeführten kirchlichen Kinderschutzvorschriften zu ignorieren und Missbrauchsfälle schlicht nach altem Kirchenrecht zu beurteilen.

Dieser "kalt kalkulierende" Rat habe es den Kirchenleuten vor Ort erlaubt, die betreffenden Fälle geheim zu halten, urteilt nunmehr Regierungschef Kenny: "Zum ersten Mal in Irland hat ein Bericht über sexuelle Misshandlung von Kindern einen Versuch des Vatikans enthüllt, Ermittlungen in einer souveränen, demokratischen Republik zu sabotieren – und das noch bis vor drei Jahren, nicht vor drei Jahrzehnten."

Für den Vatikan erklärte dessen Sprecher Pater Federico Lombardi, Dublins Kritik am Vatikan sei ein wenig "merkwürdig". Die Kirche habe sich im Grunde nicht sehr viel anders verhalten als der irische Staat. Auch der Erzbischof von Dublin, Diarmuid Martin, fand, dass Kenny etwas zu den Verfehlungen staatlicher Stellen hätte sagen können. Der Erzbischof kritisierte zugleich aber auch "Gruppen im Vatikan und in Irland", die mit Intrige und Verschwörung redliche Bemühungen um Kinderschutz zu unterlaufen suchten.

Aufruf zum Rücktritt

Der irische Außenminister und Labour-Vorsitzende, Eamon Gilmore, machte derweil deutlich, dass er auf eine rasche und förmliche Antwort des Vatikans warte. Der Präsident der Hauptregierungspartei Fine Gael, Charlie Flanagan, fordert wie andere Abgeordnete bereits den Hinauswurf des päpstlichen Nuntius, des vatikanischen Botschafters in Dublin. Ein Senator Fine Gaels, Martin Conway, forderte die gesamte irische Kirchenhierarchie zum Rücktritt auf. Nur ein Rücktritt aller Bischöfe erlaube einen Neuanfang für die Kirche in Irland.

Autor: Peter Nonnenmacher