Mit viel Musik locken

Das Gespräch führte René Zipperlen

Von Das Gespräch führte René Zipperlen

So, 09. September 2018

Kultur

Der Sonntag Patrick Dengl über seine zweite Saison im Lörracher Nellie Nashorn.

Das Lörracher Kulturzentrum eröffnet seine neue Saison, bei der Geschäftsführer Patrick Dengl nach dem ersten Jahr einen Schwerpunkt auf Musik legt – und viele Möglichkeiten bieten will, sich selbst einzubringen.

Der Sonntag: Herr Dengl, Sie traten vor einem Jahr an, um das Nellie Nashorn von unten neu zu starten, weil das "Haus von der Teilhabe lebt". Wie hat sich das entwickelt?

Viele Gruppen und Privatpersonen, die sich hier einbringen, haben einen unheimlich starken Bezug zum Haus. Mit Blick auf das Programm hat sich daraus aber noch nicht viel Neues entwickelt. Es kommen eher Gruppen auf uns zu, die schon einen Bezug zum Haus haben. Ein Beispiel hierfür ist die neue Veranstaltungsreihe "Vielfaltcafé", die vom Stadtjugendring initiiert wurde. Aber wir hatten bisher noch nicht die Zeit, uns konzeptionell zu überlegen, wie wir das Programm noch stärker von außen mitgestalten lassen könnten. Bisher entwickeln sich solche Ideen ganz klassisch in persönlichen Gesprächen.
Der Sonntag: Den Poetry-Slam hat aber ein Besucher angeregt.

Ja, das stimmt. Ich wollte unbedingt das Format Poetry Slam anbieten und bevor ich dazu kam, aktiv nach einer Person Ausschau zu halten, die das organisieren und leiten kann, stand Nicolai Raab vor der Tür mit dem Wunsch, einen Poetry Slam zu veranstalten. Ansgar Hufnagel leitet nun seit einigen Monaten die Slams, und möchte noch mehr im Bereich "Poetry", neben den Slams, anbieten.
Der Sonntag: "Partizipative Angebote" war ein wichtiges Stichwort Ihrer Anfangszeit.

Ja, die bieten wir auch weiterhin stark an, vom Sprachencafé über Spieleabende und Kneipenquiz bis zum Bal-Folk. Neu ist die Idee einer Musikkneipe mit dem Titel "Hey M(r)s DJ(ane)". Das Format richtet sich an alle, die ihre Lieblingsmusik präsentieren möchten. Dabei werden sie von professionellen DJs unterstützt. Das soll sich extra nicht nur an junge Leute richten, auch sind alle Musikrichtungen von Schlager über Jazz bis HipHop erlaubt. Man kann zehn Minuten auflegen oder eine Stunde. Wenn Interesse besteht, wollen wir auch weitergehende Workshops zum Umgang mit der DJ-Technik anbieten, für alle Altersgruppen.
Der Sonntag: Das ist zunächst das Auffälligste an Ihrem neuen Programm: Die meisten Veranstaltungen haben mit Musik zu tun. Es kommt ja auch noch der Songslam hinzu.

Zum Songslam hatte Ansgar die Idee. Das Format wollen wir gerne öfter bringen, wenn sich genug Leute melden. Tatsächlich ist die Musik einer unserer Schwerpunkte für die kommende Saison. Im Oktober bringen wir nun sogar ein kleines Gitarrenfestival. Mir schwebt schon länger vor, Themen über mehrere Tage zu vertiefen. Ich konnte beim Thema Gitarre beim Festival "Akkorde am Hochrhein" andocken, so verknüpfen wir uns auch mit Akteuren der Region. Zu uns kommen jetzt Don Alder aus Kanada, ein großartiger und vielfach ausgezeichneter Fingerstyle-Spieler, Claus Boesser-Ferrari, der weltweit in renommierten Häusern Konzerte gibt, und der in Basel lebende Neuseeländer Zarek Silberschmidt.

Der Sonntag: Bauen Sie das Nellie zum Konzerthaus um?

Keine Sorge, ein reines Konzerthaus wird das Nellie sicher nicht werden. Aber meine Leidenschaft, und ganz sicher auch die vieler anderer in Lörrach und Umgebung, ist die Musik. Ich war am Anfang eher vorsichtig und wollte nicht zu viele Konzerte machen, auch aus wirtschaftlichen Gründen. Jetzt bauen wir das Thema langsam aus und wollen vor allem Musik präsentieren, die man nicht überall hören kann. Im Oktober kommt Rayanna, die mit Stimme und Loop-Pedalen arbeitet. Im November kommt Max Lilja, der mit Apocalyptica Metallica-Songs auf dem Cello gespielt hat. Die Kneipenkonzerte, die keinen Eintritt kosten, bleiben aber offen für alle Formate.
Der Sonntag: Selbst die Kabarettisten, die bis November auftreten, haben alle ein Instrument in der Hand.

Das ist aber Zufall, vielleicht gibt es zurzeit einfach viele Kabarettisten, die auch noch etwas mit Musik machen, das habe ich also nicht gezielt gesucht.
Der Sonntag: Eine Vorgabe an Sie war, das Publikumsspektrum des Nellie zu erweitern – also auch zu verjüngen.

Das funktioniert auch gut. Wenn wir jetzt einen Comedian wie Tino Bomelino holen, wird der auch Jüngere anziehen. Dass Sebastian Lehmann so gut funktioniert hat, hat mich selbst sehr überrascht. Jetzt kommt er an drei Abenden, und nur für einen gibt es noch wenige Restkarten. Ich fände auch toll, Nachwuchs-Comedians eine Bühne zu bieten, weiß aber nicht, ob es hier überhaupt eine solche Szene gibt. Mein Kollege Matti Kunstek hat auch noch ein paar Ideen, wie wir das jüngere Publikum ansprechen können. Das braucht aber Zeit und wir werden sehen, ob wir hierzu 2019 etwas anbieten können.
Der Sonntag: Was steht noch auf Ihrem Entwicklungsprogramm?

Vernetzung. Ich möchte mich verstärkt mit anderen Institutionen austauschen. Zu oft bewegt man sich in seinem eigenen Mikrokosmos. Vielleicht ergeben sich daraus nicht nur neue Ideen, sondern auch neue Kooperationen. Davon profitieren schlussendlich nicht nur die einzelnen Kulturinstitutionen, sondern die ganze Stadt.
Der Sonntag: Wie geht es der Gastronomie, die lange Verluste einfuhr? Bislang öffnen Sie nur am Abend.

Dabei wird es auch erst einmal bleiben. Die Gastronomie läuft gut und ist wichtig für das Haus, sie ist Treffpunkt, Ort der Kommunikation und der Kultur. Die Zahlen sind gut, und wir sehen am Jahresende, ob es einen Überschuss gibt, der in die Kultur fließen kann – so sollte es ja sein. Wir suchen übrigens dringend Unterstützung für die Küche.
Der Sonntag: Gibt es Dinge, die gar nicht funktioniert haben?

Nein, es hat alles geklappt, ich bin davon selbst überrascht. Aber das Publikum ist sehr offen. Ich habe das Gefühl, die Leute in der Stadt haben große Lust, Dinge zu sehen, die sie noch nicht kennen. Und wer einmal bei einem kostenlosen Programm in der Kulturkneipe war, für das nur Spenden mit dem Hut gesammelt werden, der ist beim nächsten Mal vielleicht auch eher bereit, für einen Künstler im Saal 20 Euro Eintritt zu zahlen.
Der Sonntag: Im Frühjahr gab es eine Klausursitzung mit dem Trägerverein über die zukünftige Ausrichtung des Hauses. Davon hat man nicht mehr viel gehört.

Das war auch eine interne Sitzung. Es ging dabei vor allem darum, sich kennenzulernen und die Schwerpunkte und Interessen der Teilnehmer zu erfahren. Darüber hinaus wurde sich mit der Zukunft des Hauses befasst. In den letzten Jahren war hierfür keine Zeit. Dieser Prozess hat nun begonnen. Wir müssen aber noch schauen, in welche Richtung sich das Haus entwickelt und entwickeln kann. Ich bin aber sicher, als reines Veranstaltungshaus würde das Nellie nicht funktionieren. Es muss ein soziokulturelles Zentrum bleiben, bei dem die Leute mitmischen. Ich bin der Ansicht, dass die Menschen mehr und mehr Einfluss auf ihre unmittelbare Lebenswelt haben möchten und auch bereit sind, diese aktiv mitzugestalten. Wir wollen nun schauen, wie unser Beitrag dazu künftig aussehen könnte.
Das Gespräch führte René Zipperlen
Nellie Nashorn, Tumringer Straße 248, Lörrach. Die Kulturkneipe hat von 18 bis 23 Uhr, Freitag/Samstag bis 24 Uhr geöffnet. Sonntag und Montag Ruhetag. Nächste Termine: Bal Folk am 12. September, 19.30 Uhr; Kneipenquiz am 13., 19.30 Uhr; Songslam am 14., 20 Uhr; Workshop "Demokratie live" von 14.30 bis 17.30 am 15.; am 22. September spielt um 20 Uhr der Liedermacher Götz Widmann. Alle Infos unter http://www.nellie-nashorn.de