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01. Juni 2012
Nachdenken übers Rathaus
Sanierung oder Neubau? heißt die Gretchenfrage, die in aller Ruhe entschieden werden soll.
BIEDERBACH. Auch im Haushaltsplan 2012 der Gemeinde Biederbach ist im Investitionsplan die Rubrik "Rathaus" aufgeführt. Das ist seit Jahren ein "Erinnerungsposten" für den Gemeinderat, aber die finanziellen Möglichkeiten zu baulichen Veränderungen waren bisher nicht gegeben und die Aufnahme in das Landessanierungsprogramm wurde abgelehnt. Eine schon einmal erstellte Kostenschätzung war viel zu hoch.
Nun scheint die Angelegenheit allerdings voranzukommen, befasste sich doch der Rat – wie zu hören war, auch schon mal nichtöffentlich – in seiner jüngsten Sitzung in der vergangenen Woche mit dem Thema. "Rathausumbau beziehungsweise Neubau: Einholung einer Kostenschätzung im Rahmen einer Mehrfachbeauftragung" stand auf der Tagesordnung.Bürgermeister Josef Ruf: "Nachdem die wesentlichen Infrastrukturaufgaben in der Gemeinde der Erledigung zugehen, ist es an der Zeit, die Sanierung des Rathauses in Angriff zu nehmen, zumindest in planerischer Hinsicht". Mit den "wesentlichen Infrastrukturaufgaben" sind vor allem der Neubau von Straßen im Rahmen der Flurbereinigung, der Bau eines Geh- und Radwegs Richtung Elzach, der kurz vor der Vollendung steht, gemeint, vor allem aber auch eine sichere, tragfähige Wasserversorgung für die Zukunft; sie wird im kommenden Jahr fertiggestellt sein. Auch die "Versorgung" der einheimischen Vereine sei erreicht.
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Die Zeit, sich um das 1897/98 erbaute Rathaus zu kümmern, sei jetzt gekommen, zumal das Haus einer dringenden energetischen Sanierung bedürfe und ein neues Dach brauche. Barrierefreie Zugänge zu den Amtsräumen von Bürgermeister und Hauptamt, weil im Obergeschoss, sind nicht vorhanden und im ganzen entspreche es den Anforderungen einer modernen Verwaltung nicht mehr. Im Sitzungszimmer des Gemeinderates geht es sehr eng zu und mehr als sechs Zuhörer finden bei öffentlichen Sitzungen keinen Stuhl, weil kein Platz dafür da ist.
Dabei stellt sich, so die Sitzungsvorlage, zunächst die "Gretchenfrage": Sanierung oder Neubau? Um diese Frage zu klären, sei es erforderlich, Fachleute (Architekten oder Ingenieurbüros) mit einer entsprechenden Vergleichs-Kostenschätzung zu beauftragen.
Die Verwaltung schlug vor, diese Kostenschätzung durch eine Mehrfachbefragung einzuholen, habe die Gemeinde für die Realisierung des Vorhabens dann doch genauere Zahlen zur Hand. In Frage kommende Büros sollen nach Beratung in nichtöffentlicher Sitzung ausgewählt werden. Im Haushalt 2012 ist dafür ein Betrag von 15 000 Euro eingestellt. Nach kurzer Diskussion wurde der Vorschlag einstimmig angenommen.
"Hirschen"-Wirt Andreas Burger, der 1870 zum Ratschreiber gewählt wurde, konnte im eigenen Haus arbeiten, hatte er doch der Gemeinde "ein Zimmer zur Aufbewahrung der Gemeindeakten und Abhaltung der hierzu nöthigen Versammlungen und Amtstage unentgeldlich zur Verfügung gestellt, sodaß die Gemeinde Biederbach unter solchen Umständen niemals in Lage kommen soll, wegen einem Amtszimmer eine Ausgabe machen zu müssen". Sein Sohn Wilhelm Burger, zwar nicht mehr Ratschreiber, stellte aber der Gemeinde das Ratszimmer im zweiten Stock weiterhin zur Verfügung.
Schließlich brauchte man aber doch ein eigenes Rathaus, gleich neben der "Dorfmühle": Wilhelm Burger verkaufte der Gemeinde "ein Streifen Feld um das Haus herum". Der Plan fürs neue Rathaus wurde vom Waldkircher Baumeister Bammert dem Gemeinderat am 19. März 1897 vorgelegt. Der Kostenvoranschlag lautete auf 10 215 Mark. Der Planung stimmte der Rat "einhellig" zu, die Arbeiten wurden vor allem an Handwerker aus Biederbach und Umgebung vergeben.
Bei der Städtischen Sparkasse Elzach wurde ein Darlehen über 5000 Mark, zu verzinsen mit 3,75 Prozent und jährlicher Tilgung von 1000 Euro, aufgenommen. Im Erdgeschoss gab es ein Zimmer für den Gemeinderechner und ein Raum für die Feuerlöschgeräte, im Obergeschoss ein Büro für den Ratschreiber und einen Versammlungsraum. Erst beim Um- und Erweiterungsbau 1965, als die Garage wegen Anschaffung eines Feuerwehrfahrzeugs erweitert werden musste, wurde im Obergeschoss ein Büro für den Bürgermeister eingerichtet. Und so steht es wörtlich in der Biederbacher Ortschronik: "Das Rathaus zeugt von sparsamer Haushaltsführung, die in der Gemeindeverwaltung von altersher bis in die Neuzeit praktiziert wird".
Autor: Eberhard Weiß



