Der Kampf um Idlib ist auch ein Propagandakrieg

Stefan Scholl

Von Stefan Scholl

Di, 11. September 2018

Ausland

Russland bereitet die Offensive im Nordwesten Syriens vor und beschuldigt die USA, Phosphorbomben einzusetzen.

Politiker, Militärs und Medien in Russland bereiten die Großoffensive gegen die Rebellenregion Idlib in Syrien mit Propaganda-Breitseiten vor. So wird beispielsweise behauptet, am Samstag hätten zwei amerikanische F-15-Kampfjets das syrische Dorf Hajin mit Phosphorbomben angegriffen. Das verkündete Generalleutnant Wladimir Sawtschenko, Chef des russischen Befriedungszentrums in Syrien. Heftige Brände seien ausgebrochen. "Die USA verbrennen Syrien mit Napalm", behauptet das nationalistische Portal Swobodnaja Presse. "Und droht mit einem Militärschlag gegen Russland." 

Russlands Generalstab, aber auch Präsident Wladimir Putin prophezeien seit Wochen, die Islamisten bereiteten eine Provokation mit Chemiewaffen vor. Armeesprecher Igor Konaschenkow erklärte, am Freitag hätten sich Rebellengruppen mit der Zivilschutzgruppe Weißhelme getroffen, um ein "Drehbuch" für die Simulation von Giftgasangriffen auf vier Ortschaften zu vereinbaren. Die Weißhelme sollten die Filme erstellen, mit deren Hilfe Präsident Baschar al-Assad des Genozids beschuldigt werden könne.

In der Region Idlib war es wiederholt zum Einsatz von chemischen Kampfstoffen gekommen, der verheerendste Angriff traf im April 2017 die Stadt Chan Scheichun. Die internationale Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) bestätigte später, die mehr als 80 Menschen seien durch das Nervengift Sarin umgekommen. Donald Trump ließ daraufhin einen Militärflughafen der Syrer mit Raketen beschießen.

"Die Großoffensive der syrischen Regierungstruppen und ihrer Verbündeten gegen Idlib wird entweder von echten oder von inszenierten Giftgasattacken begleitet werden", sagt der russische Nahostexperte Alexander Schumilin der Badischen Zeitung. "Propagandistisch geht Russland auf jeden Fall auf Nummer sicher, indem es im Voraus vor Provokationen warnt."

Idlib gilt als letzte Bastion der sunnitischen Rebellen gegen Assad. Westliche Beobachter warnen vor einer humanitären Katastrophe, in Russland wird dagegen der Endkampf angekündigt: "Das ist wie die Schlacht um Berlin", zitiert der staatliche TV-Sender NTW den Oberst a. D. Igor Korotschenko. Moskau vermerkt besorgt das Auftauchen mit Tomahawk-Raketen bestückter US-Zerstörer und U-Boote im Mittelmeer.

Russland aber hat es in Idlib auch mit der Türkei zu tun. Obwohl der mit den USA heftig zerstrittene Nato-Staat in Syrien seit einiger Zeit gemeinsame Sache mit Moskau macht, gilt er noch immer als Schutzmacht der Sunniten im syrischen Nordwesten. Türkische Medien melden schon jetzt zivile Opfer durch russische Luftangriffe – und befürchten eine neue Flüchtlingswelle aus Idlib. "Nur weiß niemand genau, wo die rote Linie der Türken liegt, bei einem neuen Chemiewaffenangriff oder bei Massenbombardements gegen die Zivilbevölkerung", sagt Nahostexperte Schumilin. "Recep Erdogans Aussagen selbst schwanken heftig."