Deutsch-spanische Flitterwochen

Martin Dahms

Von Martin Dahms

Sa, 11. August 2018

Ausland

Kanzlerin Merkel und Ministerpräsident Sánchez entstammen unterschiedlichen politischen Lagern – doch sie verstehen sich prächtig.

MADRID. Bundeskanzlerin Angela Merkel besucht ab diesem Samstag den spanischen Ministerpräsidenten Pedro Sánchez für ein "Arbeitswochenende" in Andalusien. Die deutsche Christdemokratin und der spanische Sozialist verstehen sich.

Wenn Angela Merkel neben Pedro Sánchez steht, strahlt sie. Vielleicht ist es Zufall, dass die Fotografen immer entspannte Momente zwischen der deutschen Bundeskanzlerin und dem spanischen Ministerpräsidenten erwischen. Allerdings es gibt bereits, nach den gut zwei Monaten, die Sánchez im Amt ist, eine ganze Menge Bilder von den beiden. Sie vermitteln Einverständnis. Oder, in den Worten von Sánchez: Es gebe eine positive und konstruktive Beziehung" zwischen Spanien und Deutschland.

Das sollte ja der Normalfall sein. Seit der Rückkehr Spaniens zur Demokratie 1975 haben die beiden Länder immer gute Beziehungen gehabt. Zwei, die sich besonders gut verstanden, waren Felipe González und Helmut Kohl. Dem Kanzler traten noch Jahre später Tränen der Rührung in die Augen, wenn er daran erinnert wurde, wie ihm González zur Wiedervereinigung gratulierte, die der Spanier rückhaltlos begrüßte. Dass der Sozialist González und der Christdemokrat Kohl zwei unterschiedlichen politischen Familien angehörten, änderte nichts an ihrem grundsätzlichen Einverständnis.

So sieht es nun wieder aus. Sánchez’ konservativer Vorgänger Mariano Rajoy stand im Ruf, einer der treuesten Verbündeten Merkels zu sein, doch ihre Beziehung war höchstens eine platonische. Rajoy machte Merkel während der schweren Wirtschaftskrise keinen Ärger, er gehörte nicht zu denen, die alle Übel Europas der deutschen Kanzlerin und ihrem Finanzminister anlasteten. Das war schon was. Ansonsten hielt sich Rajoy aber gerne aus der internationalen Politik heraus.

Nachdem Sánchez ihn Anfang Juni per Misstrauensvotum gestürzt hatte, kehrte Rajoy fluchtartig auf seinen Posten als Grundbuchbeamter zurück, den er 28 Jahre zuvor verlassen hatte. Vom Sozialisten Sánchez könnte man sich eine solche Geste nicht vorstellen. Er will Politik machen. Und er will eine gewichtige Stimme in Europa sein. Nach seinem Antrittbesuch in Berlin am 26. Juni gab der Madrider Moncloa-Palast die Meldung heraus: "Pedro Sánchez vereinbart mit Angela Merkel, die Konstruktion Europas wiederzubeleben." Selbstbewusstsein gepaart mit Optimismus. Das ist der richtige Mann für Merkel.

Das internationale politische Umfeld ist heute nur ein anderes als zu Kohls und González’ Zeiten. Das Projekt Europa ist von innen und außen gefährdet. Sánchez’ Außenminister Josep Borrell gab vor ein paar Tagen dem Handelsblatt ein Interview, in dem er unter anderem die "brutale Abschottungspolitik" des italienischen Außenministers Matteo Salvini gegen Migranten beklagte, "eine Politik nicht nur auf Kosten von Spanien, sondern auf Kosten ganz Europas". Als der Angesprochene davon erfuhr, wetterte er über die "Beleidigungen" des Spaniers, der für eine "außer Kontrolle geratene Immigration" stehe. Aber im Grunde genommen sei ihm das egal. "Wenn mich Trump oder Putin angriffen, würde ich mir Sorgen machen", denn die arbeiteten sehr wohl "für das Interesse ihrer Völker."

In der gemeinsamen Abgrenzung gegen einen Autokratenfreund wie Salvini spielt es keine Rolle, dass Merkel Christdemokratin und Sánchez Sozialist ist. Ihre Haltung zur Migration ist eine ähnliche: offene Arme für Flüchtlinge, schnelle Rückführung von illegal eingereisten Arbeitsmigranten, auch wenn das in der Praxis seine Tücken hat. Aber eben keine "brutale Abschottung".

In Spanien kommen gerade so viele Flüchtlinge wie seit zwölf Jahren nicht mehr an, doch die Zahl ist mit bisher rund 25 000 in diesem Jahr noch überschaubar. Die Migration wird hier, anders als in Deutschland, nicht gemeinhin als "Krise" begriffen, eher als Herausforderung.

Merkel wird Sánchez diesen Samstag für ein "Arbeitswochenende" im andalusischen Sanlúcar de Barrameda besuchen. Nicht weit von dort kommen beinahe täglich die Migrantenboote aus Nordafrika an. Es gibt einiges zu besprechen. Und nicht alles ist zum Strahlen.