Die Solidarität mit Schwerkranken hat Vorrang

Axel Veiel

Von Axel Veiel

Di, 13. Februar 2018

Ausland

In Frankreich gelten alle Bürgerinnen und Bürger im Todesfall als Organspender – es sei denn, sie haben dies zu Lebzeiten abgelehnt.

Das Leben von auf Organspenden angewiesenen Patienten hat Vorrang. In Frankreich steht das seit gut einem halben Jahrhundert außer Frage. In Deutschland gilt die sogenannte Entscheidungslösung: Ein Verstorbener muss sich bewusst für eine Organspende entschieden haben, sonst darf diese nicht durchgeführt werden. In Frankreich dagegen gilt wie in Spanien die sogenannte Widerspruchslösung: Im Namen der gegenüber Schwerkranken gebotenen Solidarität hat der Gesetzgeber 1976 verfügt, dass alle Bürgerinnen und Bürger des Landes im Todesfall als Organspender gelten – sofern sie nicht zu Lebzeiten ausdrücklich widersprochen haben.

Anders als seinerzeit von den Parlamentariern erhofft, hat dies freilich nicht dazu geführt, dass in der Transplantationsmedizin Angebot und Nachfrage ins Gleichgewicht gekommen wären. Ein Gutteil der auf Spenderorgane angewiesenen Kranken geht weiterhin leer aus. So standen etwa 2015, dem bisher letzten statistisch ausgewerteten Jahr, 1824 Organentnahmen 21 000 Transplantationsgesuchen gegenüber.

Zurückzuführen ist dies zunächst darauf, dass die medizinischen Voraussetzungen für eine Organspende (Hirntod oder in bestimmten Fällen auch Herzstillstand als Todesursache) nur selten erfüllt sind.

Hinzu kam bis noch vor gut einem Jahr, dass Ärzte die Frage, ob ein Verstorbener sich zu Lebzeiten gegen eine Organspende ausgesprochen hat, mit Hilfe der Angehörigen zu beantworten versuchten. Und auch wenn sich laut Umfragen 80 Prozent der Franzosen für Organspenden aussprechen, waren es unter den am Sterbebett eines Angehörigen Versammelten deutlich weniger: Ein Drittel bekundete, der Verstorbene habe sich zu Lebzeiten gegen eine Organentnahme ausgesprochen.

Anfang vergangenen Jahres hat der Gesetzgeber reagiert und nachgebessert. Seit Januar 2017 braucht es handfeste Belege, soll Ärzten eine Organentnahme verwehrt sein. Als Beleg dient der Vermerk in einem online zugänglichen nationalen Widerspruchsregister, in das man sich als Nicht-Spender eintragen kann. Auch eine Einschränkung der Spendenbereitschaft ist möglich, etwa der Ausschluss einer Entnahme von Herz oder Hornhaut der Augen. Ein negatives Votum der Angehörigen fällt nur noch ins Gewicht, wenn diese schriftlich darlegen, wann und unter welchen konkreten Umständen sich der Verstorbene zu Lebzeiten gegen eine Organentnahme ausgesprochen hat. Ob die Neuregelung zu einer höheren Zahl von Organspenden geführt hat, ist noch nicht bekannt.