Spanien

Duale Ausbildungen wie in Deutschland werden nun eingeführt

Martin Dahms

Von Martin Dahms

Di, 26. August 2014

Ausland

Die Berufsbildung ist das Stiefkind des spanischen Bildungssystems / Jetzt startet VW mit der dualen Ausbildung.

Marc Estapé steht an der Drehmaschine und gibt einem Werkstück die richtige Form. Spiralförmige Metallspäne fallen herab, so wie es sein muss. Kein Lehrmeister schaut zu. "So viel Vertrauensvorschuss geben sie uns", sagt der 21-Jährige. Obwohl die Drehmaschine "wirklich ziemlich, ziemlich teuer" sei. Aber Estapé ist kein Anfänger mehr: Er steht am Ende seines zweiten Ausbildungsjahres zum Werkzeugmechaniker in der Escuela de Aprendices – der Lehrlingsschule – des Autobauers Seat in Barcelona. Die Lehrlingsschule gibt es schon seit 1957, fast so lange wie Seat selbst. Doch seit zwei Jahren ist sie mit neuen Inhalten gefüllt: Jetzt durchlaufen die jungen Leute hier eine duale Berufsausbildung wie in Deutschland. Eine kleine Revolution. Marc Estapé ist ein Teil von ihr, einer von 167 Auszubildenden.

"Nach dem Abitur musste ich mich entscheiden", erzählt Estapé, "entweder Universität oder Ausbildung. Hier bei Seat sah ich die Möglichkeit für eine berufliche Zukunft." Eine berufliche Zukunft: Das ist für Spanier der Generation Estapés fast so gut und so wahrscheinlich wie ein Lottogewinn. Mehr als 840 000 junge Leute zwischen 16 und 24 Jahren suchen in Spanien zurzeit einen Job, das entspricht einer Jugendarbeitslosenrate von 53,1 Prozent. Früher galt ein Studium als Königsweg zu einem sicheren Arbeitsplatz, aber die Zeiten sind nicht mehr so. "Freunde von mir machen ein Ingenieursstudium", erzählt die 19-jährige Dulce Polo, die gerade ihr drittes Lehrjahr im Seat-Werk in Martorell vor den Toren Barcelonas absolviert. "Und dann müssen sie als Kellner arbeiten." Marc Estapé und Dulce Polo haben alle Chancen, nach ihrer Ausbildung von Seat übernommen zu werden.

An den Gedanken, dass eine solide Berufsausbildung mehr ist als ein Notnagel, müssen sich die Spanier erst noch gewöhnen. In den Köpfen der meisten Eltern stecke noch immer der Gedanke, "dass aus ihren Kindern etwas Besseres werden sollte als sie selbst", erzählt Manuel Moreno, der Ausbildungsleiter bei Seat. Das hieß: unbedingt ein Besuch der Universität. Deswegen haben heute 40,7 Prozent der 30- bis 34-Jährigen in Spanien einen akademischen Abschluss, während es in Deutschland 33,1 Prozent sind. "Gleichzeitig verlor die Berufsausbildung an Prestige", klagt Moreno. Nach Zahlen der OECD haben nur 8,4 Prozent der erwachsenen Spanier eine Lehre abgeschlossen – in Deutschland sind es dagegen 55,8 Prozent. Spanien hat in Sachen Berufsbildung enormen Nachholbedarf – das hat die Regierung erkannt. "Spanien hat jahrelang eine Chance verpasst", sagt Ausbildungsleiter Moreno – die Chance, eine attraktive und praxisnahe duale Berufsausbildung zu machen.

Seit der jüngsten Arbeitsrechtsreform 2012 ist das anders geworden. Jetzt haben Spaniens Unternehmen die Möglichkeit, mit jungen Leuten Ausbildungsverträge abzuschließen. Bis dahin konnten Berufsschüler Arbeitserfahrung nur in Form von nicht oder schlecht bezahlten Praktika gewinnen. Was nicht nur für die Schüler, sondern auch für die Unternehmen unbefriedigend war.

Josef Schelchshorn, der vor vier Jahren als Personalchef bei Seat begann, erzählt, wie er sich bei seinem Dienstantritt die Frage stellte: "Reicht das eigentlich, was wir in Sachen Ausbildung machen? Und die Antwort meiner Mitarbeiter war: Im Grunde müssen wir, wenn wir die jungen Leute übernehmen, immer noch Ausbildung nachschieben." Dank der Arbeitsmarktreform konnte die VW-Tochter Seat in Spanien im Herbst 2012 die duale Ausbildung nach deutschem Vorbild einführen. Vom ersten Tag ihrer Ausbildung sind die Lehrlinge jetzt angestellte Mitarbeiter von Seat, und sie erhalten ein Ausbildungsgehalt. "Das gibt dir Auftrieb", sagt Marc Estapé. "Es wird ernsthafter."

Mit der Bezahlung sind die Anforderungen an die Auszubildenden gestiegen. Statt 2000 Stunden Theorie und Praxis in zwei Lehrjahren absolvieren die Seat-Schüler jetzt mehr als 4600 Stunden in drei Lehrjahren, davon ein gutes Viertel Theorie, der Rest ist Praxis: erst in der Escuela de Aprendices und dann im Betrieb selbst. "Wir sagen unseren Auszubildenden: Ihr werdet viel arbeiten, drei Jahre lang, und zwar bis obenhin!", sagt Ausbildungsleiter Moreno. Für 60 neue Lehrstellen in diesem Jahr haben sich 912 junge Männer und Frauen beworben.

Gehört haben die Spanier in den vergangenen Jahren schon viel von der dualen Ausbildung. Doch nun soll sich die Idee endlich in ganz Spanien ausbreiten. Die Deutsche Handelskammer für Spanien versucht zu helfen, wo sie kann, und berät spanische Firmen, die dem Beispiel des spanischen Autobauers folgen wollen. Nach Zahlen des spanischen Bildungsministeriums absolvieren in diesem Jahr immerhin schon knapp 10 000 Berufsschüler in Spanien eine duale Ausbildung, etwa doppelt so viele wie im Vorjahr – bei allerdings mehr als 660 000 spanischen Berufsschülern. Im benachbarten Portugal betreibt die Kammer selbst drei Ausbildungszentren in Lissabon, Porto und in Portimão an der Algarve unter dem Namen Dual.

"Das Thema duale Ausbildung ist momentan in aller Munde"", sagt Seat-Personalchef Schelchshorn. "Und viele fragen uns: Seat, wie macht ihr das eigentlich? Können wir uns das mal anschauen? Können wir das adaptieren? Natürlich. Wir haben die Türen offen, wenn jemand zu uns kommt." Im besten Falle wird Seat in Spanien Schule machen. "Das Schwierigste bei solch einem Wandel ist der Beginn", sagt Ausbildungsleiter Moreno. "Die Unternehmen müssen sich einbringen wollen, freiwillig. Aber ich bin zuversichtlich, dass die duale Ausbildung in Spanien in fünf Jahren einen großen Schritt nach vorn getan haben wird."