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09. Mai 2009

"Es ist auch Terror, dass Israel Häuser zerstört"

BZ-INTERVIEW mit Jeff Halper / Er erhält Kant-Weltbürger-Preis.

FREIBURG. Der jüdische Israeli Jeff Halper ist ein Gegner der israelischen Siedlungspolitik in den besetzten palästinensischen Gebieten. Sein Engagement für eine Aussöhnung zwischen Palästinensern und Juden wird am heutigen Samstag mit dem Immanuel-Kant-Weltbürger-Preis in Freiburg ausgezeichnet. Mit ihm sprach Annemarie Rösch.

BZ: Wie sehen Sie die Chancen, dass mit dem rechtsgerichteten Netanjahu der Friedensprozess fortgeführt wird?

Halper: Es gab nie einen Friedensprozess. Wenn der frühere Premierminister Rabin nicht so früh ermordet worden wäre, hätte es vielleicht einen solchen gegeben. Aber alle seine Nachfolger haben bis heute nicht anerkannt, dass das palästinensische Volk ein Recht auf Selbstbestimmung in einem lebensfähigen Staat hat. Auch nicht Ehud Barak von der Arbeitspartei.

BZ: Sie kehren also den Vorwurf einfach um, den man der islamistischen Hamas macht, weil diese Israel nicht anerkennt?

Halper: Ich bin ein jüdischer Israeli und trotzdem sage ich: Die Hamas sollte Israel nicht anerkennen. Man kann von Palästinensern nicht erwarten, dass sie den Zionismus unterstützen. 1948 gehörte 94 Prozent des Landes Palästinensern. Nach dem Oslo-Friedensplan sollen die Palästinenser nur 22 Prozent ihres ursprünglichen Landes erhalten. Leute wie Netanjahu oder der rechtspopulistische Lieberman wollen den Palästinensern nicht einmal so viel geben. So lange das so ist, kann die Hamas Israel nicht anerkennen.

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BZ: Wäre die Hamas denn überhaupt bereit, bei einem Entgegenkommen Israels, das Land zu teilen?

Halper: Es gibt Anzeichen dafür, dass die Hamas bereit wäre, einen palästinensischen Staat auf dem Territorium der besetzten Gebiete, also auf 22 Prozent des ursprünglich palästinensischen Landes, zu akzeptieren. Die Hamas fordert aber, dass alle jüdischen Siedlungen aufgegeben werden müssen. Wenn das palästinensische Volk in einem Referendum einer Zweistaaten-Lösung zustimmt, will die Hamas dies akzeptieren, das hat sie gesagt. Das ist eine faire Position für ein Volk, dessen Land besetzt ist.

BZ: Das sind Worte. In ihren Taten lässt die Hamas bisher aber wenig Versöhnungsbereitschaft erkennen. Sie greift auch immer wieder Zivilisten in Israel an.

Halper: Wir definieren Terrorismus zu zu eng. Nichtstaatliche Aktivitäten gegen Zivilisten gelten als Terrorismus. Doch warum spricht man nicht von Terror, wenn Staaten Unschuldige töten lassen. Es sind viermal so viele palästinensische Zivilisten ums Leben gekommen als Israelis. Als Mitbegründer des "Komitees gegen die Häuserzerstörung" muss ich sagen: Es ist auch Terror, dass Israel die Häuser von so vielen Palästinensern zerstört.

BZ: Sind das nicht oft Häuser von Terroristen?

Halper: In den 42 Jahren der Besatzung hat Israel 24 000 palästinensische Häuser zerstört. Zumeist, weil die Palästinenser keine Baugenehmigungen hatten. Doch was sollen sie machen? Israel erteilt ihnen keine Baugenehmigungen. Und das nicht nur in den besetzten Gebieten. In Israel selbst dürfen die Palästinenser oft auch keine neuen Häuser bauen.

BZ: Inwieweit könnten die USA unter Barack Obama dazu beitragen, diese Probleme lösen?

Halper: Es könnte mit Obama Veränderungen geben. Die USA haben erkannt, dass es gegen ihre Interessen ist, wenn das Problem zwischen Israelis und Palästinensern ungelöst bleibt. Denn der Konflikt strahlt auf die gesamte Region aus und ernährt den Terrorismus. Druck auf Israels Regierung ist nötig, von allein stimmt sie keiner Zweistaaten-Lösung zu. Drohungen, die militärische Hilfe einzustellen, braucht es nicht einmal. Israel ist ja so klein. Die offene Frage ist aber, ob Obama in seiner demokratischen Partei Unterstützung bekommt. In Washington sagte man mir: Nicht Netanjahu ist das Problem, sondern die demokratische Parlamentschefin Nancy Pelosi. Gut möglich, dass sie sich gegen klare Worte ausspricht, weil sie Angst hat, Wähler zu verlieren. 80 Prozent der jüdischen Amerikaner stimmen für die Demokraten. Wenn allerdings in den nächsten Monaten nichts passiert, glaube ich nicht mehr, dass eine Zweistaaten-Lösung möglich ist.

– Der Preis wird am 9. Mai, 10.15 Uhr, in der Aula der Uni Freiburg verliehen.

Autor: ar