Flüchtlingslager im Chaos

Gerd Höhler

Von Gerd Höhler

Sa, 15. September 2018

Ausland

Gesundheitsbehörde auf der Insel Lesbos droht mit der Schließung des berüchtigten Camps Moria.

ATHEN. Die Lage in den griechischen Aufnahmelagern in der Ostägäis wird für Flüchtlinge und Migranten immer kritischer. Inzwischen seien dort mehr als 20 000 Menschen untergebracht, teilte das Migrationsministerium in Athen am Montag mit. Die Camps sind aber nur für 6438 Flüchtlinge ausgerichtet. Am schlimmsten ist die Lage im Flüchtlingslager Moria auf Lesbos.

Was die Gesundheitsinspektoren in dem Lager notierten, liest sich wie ein Report aus einem Land der Dritten Welt: "Unkontrollierbare Mengen von Abfall" und "überquellende Müllcontainer" fanden die Prüfer. Stinkende Fäkalien aus gebrochenen Toilettenrohren fließen durch das Camp, ergießen sich in einen Bach und auf die nahegelegene Landstraße. Mücken und Ungeziefer überall. In den rund zwölf Quadratmeter großen Wohncontainern leben bis zu 15 Menschen, in manchen Zelten hausen 150 Personen.

Seit Jahren prangert Christiana Kalogirou, Regionalpräfektin der nördlichen Ägäis, die katastrophalen Zustände in Moria an. Bewirkt haben die Proteste bei der Regierung in Athen wenig. Jetzt macht die Politikerin Druck: Das Lager sei ungeeignet sowie gefährlich für die öffentliche Gesundheit und die Umwelt, stellt die Präfektin in einem Schreiben an Migrationsminister Dimitris Vitsas fest. Wenn die Mängel nicht innerhalb von 30 Tagen beseitigt sind, werde sie das Lager schließen lassen, so die Präfektin.

Moria ist einer von fünf so genannten Hotspots. In diesen Auffanglagern auf den Inseln Lesbos, Kos, Samos, Chios und Leros werden die Flüchtlinge und Migranten, die täglich in Schlauchbooten aus der Türkei über die Ägäis kommen, registriert. Sie müssen so lange bleiben, bis über ihre Asylanträge entschieden ist. Damit wollen die griechischen Behörden sicherstellen, dass abgelehnte Asylbewerber wieder in die Türkei zurückgebracht werden können, wie es das Flüchtlingsabkommen der EU mit Ankara vorsieht.

Flüchtlingsorganisationen protestieren in einem Brief

Aber weil es an qualifiziertem Personal fehlt, ziehen sich die Asylverfahren unendlich hin. Manche Antragsteller sitzen bereits seit zwei Jahren in den Hotspots fest. Viele von ihnen sind Wirtschaftsmigranten ohne Aussicht auf Asyl, aber findige Anwälte reizen den Instanzenweg aus. Zugleich steigt die Zahl die Neuankömmlinge an: Von Januar bis Juni kamen 22 936 Flüchtlinge und Migranten aus der Türkei nach Griechenland. Das waren vier Mal so viele wie im ersten Halbjahr 2017. Noch im Juli hatte Migrationsminister Vitsas versprochen, er werde die überfüllten Lager auf den Inseln entlasten und mehr Asylsuchende aufs Festland umsiedeln. Bis zum September sollte die Zahl der Lagerbewohner auf den Inseln nicht größer als 10 000 sein, kündigte Vitsas vor zwei Monaten an. Damals lebten in den Insellagern 17 800 Menschen. Inzwischen sind es über 20 000. Die offizielle Kapazität der fünf Hotspots beläuft sich auf 6438 Plätze. Allein in Moria hausen 8800 Menschen. Ausgelegt ist das Camp für die Unterbringung von 3100 Personen. Jetzt räumt auch Vitsas ein, die Situation in Moria sei "grenzwertig".

Doch das klingt eher wie eine Verharmlosung. Seit langem gilt das Camp als Schandfleck. Die BBC bezeichnete Moria in einem Report als "schlimmstes Flüchtlingslager der Welt". Moria sei das "Guantanamo Europas", protestierten Migranten mit einem Plakat. In einem diese Woche publizierten offenen Brief von 19 Hilfsorganisationen an die Regierung ist von beschämenden Zuständen die Rede: Es gebe zu wenig Personal, die Unterkünfte seien überfüllt, die sanitären Einrichtungen und die medizinische Versorgung unzureichend. Die Organisationen appellieren an die Regierung, den Bewohnern von Moria menschenwürdige Lebensbedingungen zu gewähren. Wie er die drohende Schließung des Lagers durch die Regionalbehörde abwenden will, hat Migrationsminister Vitsas nicht erklärt.